Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Zypressen“

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Christof Stählin – Die Zypressen
vom Album: Auf einem anderen Blatt, 1997

 

Christof hatte die Fähigkeit, sich vorübergehend in übersehene Details dieser Welt zu verlieben und den ganzen Rest zu vergessen. Er zitierte gerne Gontscharows Oblomow, der sich ziel- und gedankenlos auf seinen Diwan legte, „um sich der Sache ganz zu widmen“.

Für die Regie zu „Schluchten des Alltags“ fragte mich Christof, ob ich ihm helfen würde, ein Bühnenprogramm ohne Pointen zu bauen. Das fand ich eine gute Idee. Ich strich ihm sämtliche Pointen raus. Kurz vor der Premiere knallte er einen Ordner auf den Tisch und sagte: „Du, ich hab’s mir überlegt. Es müssen doch noch Pointen rein.“ Der Ordner war beschriftet mit „Pointen“. Zum Glück konnte ich ihn davon abbringen. Ich kannte seine Nervosität vor Premieren. Er hatte mir einen klaren Auftrag erteilt, und diesen würde ich, wenn es sein musste, auch gegen seinen Widerstand durchsetzen. Je näher die Premiere kam, desto bedrohlicher knisterte der Ordner „Pointen“ über unseren Proben. Der Verdacht, dass ein Programm ohne Pointen eigentlich total langweilig sein musste, wurde immer unerträglicher, je näher die Premiere rückte. Hätte die Premiere auch nur einen Tag später stattgefunden, ich hätte Christof mit Waffengewalt auf die Bühne zwingen müssen. Aber die Premiere bewies, dass Christofs Idee, ein Programm ohne Pointen zu machen, einer seiner vielen Geniestreiche gewesen war. Durch die Abwesenheit von allem, was wir als „Pointe“ identifizieren konnten, wurden die übersehenen Details dieser Welt, die Christof mit der überschwänglichen Liebe des Poeten bedachte, so gross und phantastisch, dass das Publikum überraschenderweise dauernd lachte. Gleich am Anfang schärften wir den Blick des Publikums für das Detail mit der Betrachtung des Fensterladenhalters in Form eines Gusseisensoldaten, dem es ein Mechanismus in seiner Brust „erlaubte, einzunicken, wenn er ausgerastet war“. Christof konnte so lange über dieses unscheinbare Figürchen reden, bis sich darin die ganze Welt spiegelte. Tagelang hatten wir uns zudem den Kopf zerbrochen über einen Schluss ohne Schlusspointe. Wir fanden ihn im Satz: „Entschuldigen Sie, haben Sie die genaue Stelle bemerkt, an welcher dieses Programm zu Ende gegangen ist?“

Bei der Arbeit an „Casanova“ war ich nur kurz dabei. Bei einem Glas Wein nach der Arbeit machte Christof mal eine heitere Bemerkung: „Weißt du, wir sollten das Ganze von der Sprache her angehen. Casanova lebte zur Zeit des Rokoko. Wenn man „Rokoko“ auf die Vokale reduziert, ergibt das „Oh! Oh! Oh!“. Und wenn wir den Namen Casanova auf seine Vokale reduzieren, haben wir „Ah! Ah! Oh! Ah!“. Gelächter – Notizbuch zur Hand nehmen – der Anfang war gesetzt.

Später versuchten wir dann, die Zusammenarbeit wiederaufzunehmen. Wir scheiterten. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist nicht immer unproblematisch. Der Kontakt brach ab.

Nach mehreren Jahren laufe ich Christof an der Künstlerbörse in Thun über den Weg. Er kommt gerade vom Auftritt und trägt einen Tisch vor sich her. Er stellt ihn mir in den Weg, breitet die Arme aus und lacht: „Andreas, es steht nichts zwischen uns!“

Wir tranken den ganzen Nachmittag Tee an seinem Stand. Die Veranstalter kamen, gratulierten ihm zum Auftritt und gingen weiter, ohne zu buchen. Christof meinte traurig: „Das Theater und ich, das ist eine platonische Liebe geworden.“

Christof kommt wieder. Es wird bloss schwierig sein, ihn zu finden. Aber wir sollten in etwa zehn Jahren damit beginnen, im Süddeutschen Raum nach einem lyrisch begabten Kind Ausschau zu halten.

Andreas Thiel

Ein Kommentar zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Zypressen“

  1. Karl
    20. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Noch ein interessanter Text über Stählin. Und ein schönes Lied, das ich mir grad mehrfach wiederholt Strophe für Strophe an- und jedesmal neu höre.

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