Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Gundis Lieder – Gundis Themen

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von Boris Dittrich

Was will man schon zu Gundermann-Songs sagen? Ist doch alles bereits besprochen und geschrieben, oder nicht? Es ist ja nun auch schon eine gewisse Zeit her, dass der baggerfahrende Rockpoet Gundermann uns (leider viel zu früh) verließ…

Da liegt sie jetzt also vor mir, die Doppel-CD „Gundis Lieder – Gundis Themen“. Und ich frage mich, wie bewertet man ein solches Album, ein Album, bei dem die erste Hälfte der Songs bekannt ist, eben von Gundi gesungen. Und unweigerlich stellt sich mir die Frage: wie hätte er die Songs heute gemacht, wie hätte er sie heute geschrieben… und gesungen. Manche der Stücke haben ja auch schon 20 Jahre oder mehr auf dem Buckel. Beim Hören fällt mir auf, wie zeitlos seine Lieder eigentlich tatsächlich sind.

Da ist die Grüne Armee, die „Die Seilschaft“ ein wenig mehr „dahin folkt“ als damals mit Gundi, was ihr aber durchaus einen interessanten Anstrich verpasst; da ist Ich mache meinen Frieden von Philip Omlor, was sehr kraftvoll daherkommt, aber eben auch Platz für ruhige Sequenzen lässt. Weiter geht es mit Hannes Kreuziger, der mit Klavier und einer rauen Melancholie Vater die nötige Tiefe verleiht, und Wenigstens bis morgen von dem Nordlicht Carmen Orlet und dem Feuerstein „Hugo“ Dietrich, das mich ein wenig an Singeclub erinnert (was ja aber nichts Schlechtes sein muss). Und da ist dann Einmal (bei dem man unweigerlich an Tamara Danz und Gundi denken muss – das verdient auf jeden Fall Hochachtung!) des Tricky Riddle Projekt, das aber zeitgemäß dahingroovt und jazzige Momente mit Gundis Poesie vereint. Gefolgt wird es von dem gitarrenlastigen (aber nicht lästigen) Wo bleiben wir von Ruben Wittchow, der für mich einen wohltuenden Spannungsbogen von Gundermann zu Sting aufbaut, und Stoppok, der Keine Zeit mehr in gewohnt schnoddriger Stoppok-Manier „dahinrotzt“. Hier trifft Ruhrpott Lausitz, was ja mit all den Facetten auch schon wieder Sinn macht…

Bei RUDY und Und musst du weinen hat dann scheinbar Punk und Songwriting ein Rendezvous, was den Song auf eine spannende Weise ins Hier und Jetzt befördert, während die Steinlandpiraten bei Sag wolltest du nicht noch eine Verbindung zwischen Singeclub und Punk schaffen, was musikalisch zu Singeclub-Zeiten schlicht undenkbar gewesen wäre. Einen kleinen Cut macht zuerst einmal das Duo Hand in Hand, was Herzblatt mit ihrem tollen Satzgesang und ihrem Pianospiel ruhig anfangen lässt, während das Stück zum Finale an einer Kraft gewinnt, die man den beiden Mädels, wenn man sie nicht kennt, gar nicht zugetraut hätte. Ach ja, Piano: der Bajuware Konstantin Wecker interpretiert in seiner unnachahmlichen Art Gras; Eisbrenners LaTino-Conexión vereinigt Gundermanns Song So wird es Tag mit südamerikanischen Einflüssen, was damit León Giecos Original „Solo le pido a dios“ von 1978 vor allem geografisch näher bringt. Tino Eisbrenner setzt dem Song diesen typischen traditionellen Anden-Sound auf, ohne dass es kitschig wirkt.

Fast am Ende der Compilation stehen dann noch zwei Songs aus, deren Interpreten wohl noch Kinder waren, als Gundi von uns ging… Da setzt Christian Haase mit Der 7. Samurai eine Duftmarke, bei der man merkt, dass Haase öfter „Umgang mit Gundermann pflegt“, schon weil er eben öfter Gundermann singt… Und Krogmann machen bei Alle oder keiner Gitarrenpop, das können sie, es ist für mich aber eben auch nichts, was herausragt.

Was bleibt abschließend zum ersten Teil des Albums festzustellen? Schön ist die Vielfalt des Projektes, das fast zärtlich zu nennende Stimmen mit „brachialer“ Musikalität zusammenbringt. Schön auch, dass Wegbegleiter und Weggefährten, aber auch junge Bands und Musiker versuchen, Gundermann ins Hier & Jetzt zu transportieren und damit einem Publikum nahe bringen (könnten), welches Gundermann bisher nicht kannte oder aus Altersgründen nicht kennen konnte. Ob das funktioniert, wird wohl die Zeit zeigen…

Zugegebenermaßen tat ich mich mit dem zweiten Teil des Projekts, nämlich „Gundis Themen“ schwer. Eigentlich sind hier auch „nur“ Songs dabei, die anderswo schon veröffentlicht wurden, die Gundermann in irgendeiner Form aufgreifen, was mich aber eben auch mit Skepsis erfüllte. Nun, da ich es mehrfach gehört habe, ja hören musste und wollte, bleibt für mich festzustellen: Da ist so ziemlich alles dabei, was an deutschsprachiger Musik und ihren verschiedenen Stilen denkbar ist. Vom Back to Dreck des Duos Hand in Hand, das in verspielter NDW-Manier dahin jazzt, über das bluesrocklastige Stoppok-Stück Wie schnell ist nix passiert, das zeitweise auch musikalisch wie Gundi rüberkommt und Christian Haases Höflich sein, das oberflächlich erscheinen könnte, wenn er uns nicht gemahnen würde, nicht immer gleich an die Decke zu gehen und die Waffen bereit zu legen, sondern statt dessen mal wieder miteinander zu reden und sich zuzuhören…

Da sind dann noch die Steinlandpiraten mit Tamara, Ruben Wittchows Sein & lassen, die für mich die Stimmung der Lieder Gundermanns ziemlich gut einfangen und dabei Ohrwurmpotenzial haben, gefolgt von Karl Thoralf Rittels Deine Liebe, bei dem auf witzige Weise Chanson und Schmuddelpop vertreten zu sein scheinen (und der mich textlich voll überzeugt), Philip Omlors Pferd aus gelbem Wellblech, was Selbstzweifel & Rückschau genauso wie Alles-Haben & Nichts-Brauchen aufnimmt, als sei es auf irgendeinem Gundi-Album schon veröffentlicht worden, Krogmann mit Weit weg, bei dem ein wenig Rap, Soul und R & B mitzuschwingen scheinen, Hannes Kreuzigers Dieser Mann, was am Piano Schwermut und Leichtigkeit verbinden kann…

Die Band RUDY macht dann mit ihrem rockig-funkigen Yeah in Berlin nur musikalisch einen Break, während es textlich den Spannungsbogen zwischen Oben & Unten, Arm & Reich, Oben & Unten super hinbekommt, während die Seilschaft mich mit Tage wie diese auch mit Christian Haases Stimme und Andy Wieczoreks Saxophon wieder voll in die Gundi-Spur holt. Tino Eisbrenner brilliert mit seiner Stimme und einer fast sparsamen Akkordeon-Begleitung bei Nackt, Hugo Dietrich & Carmen Orlet erinnern mich sowohl textlich als auch mit ihrer „leisen“ Musikalität stark an „Einmal“ bei Von den Wolken. Den kraftvollen Abschluss bildet Was keiner wagt von Konstantin Wecker, welches uns mit seinem Aufruf zurücklässt, zu tun und an uns und unsere Kraft zu glauben und mich mit dem Wunsch hinterlässt, das Album nochmal und nochmal zu hören…

www.freiland-potsdam.de

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. September 2015 von in 2015, Gundermann, Gerhard, Liedermacher, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , .
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