Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Alter Musketier“

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Christof Stählin – Alter Musketier
vom Album: Aus freien Stücken, 2011

 

„Ich, ich hab auf Herz gesetzt – und alles auf eine Karte.“ Ich habe dieses Lied ausgewählt, weil es unter anderem etwas berührt, das als Grundierung in allen poetologischen Bildern Christofs steckt; in seinen Liedern, seinen Lebensentscheidungen und seiner ganzen Art zu denken. Hier geht es zum einen um die grundsätzliche Haltung des Künstlers zur Welt – einer Welt, die auf vielfältige Weise dem Künstler ständig begreiflich machen möchte, dass das aber so nicht geht, wie man sich das vorstellt. Es geht um Freiheit. Es geht um das Ethos des Künstlers, um die Selbstverpflichtung, die aus seinem schöpferischen Impuls erwächst. Sei ehrlich mit dir selbst: Du weißt, was zu tun ist – also tu es. Das ist für mich der stählin’sche Imperativ, eingeätzt in die brave Schwarte. Es gibt  keine Ausreden. Anlagevermögen? Altersvorsorge? Kommerzielle Kompatibilität? Nein, ich will frei sein! Weg damit und weiter gehen. Alle Ausflüchte zerfallen zu Staub. Am Ende wird nur die eine Frage stehen: Hast du deine Lieder geschrieben?

Christof hat es getan bis zuletzt. Jetzt ist er, der ein Mann wie ein Baum war, nicht mehr da. Aber sein Geist ist da, in unseren Herzen, auf die er auch gesetzt hat, freundlich wie immer, liebevoll und dennoch klar und unbestechlich in seinem Urteil. Und wenn sich mal wieder die Frage erhebt, was denn zu tun sei, sehe ich ihn vor meinem Auge milde wissend lächeln und denke: Ja Christof, ich weiß: Das Herz. Nichts anderes. Ich danke dir für alles und werde immer an dich denken, wenn ich eine Amsel singen höre.

Ulrich Zehfuß

 

„… denn ich, ich hab auf Herz gesetzt und alles auf eine Karte.“

Das hat er wirklich. Er war ein Menschenfreund, ein Verfechter der Schönheit und des Guten. Bei allem, was er tat, war er mit vollem Herzen dabei – ob beim Vortragen, beim Singen, beim gemeinsamen Kochen oder beim Unterrichten. Mit den Waffen der Weisheit und der genauen Beobachtung stellte er konventionelle Weltansichten infrage und machte vermeintliche Nebensachen zur Hauptsache, wie zum Beispiel die Blumen am Wegesrand. Dabei führte er den Blick stets auch auf das Positive: „Wir sagen, die Autobahn sei die Realität – aber die Anemonenwiese daneben ist es doch genauso!“

Er war ein Bewunderer der Details und Aufdecker der wundersamen Zusammenhänge zwischen Worten, Bildern und Naturphänomenen. Seine Unterweisungen waren sowohl poetisch als auch philosophisch und als ich 2011 in den SAGO-Kreis aufgenommen wurde, war es für mich eine kleine Offenbarung – ich wusste sofort, dass ich an etwas ganz Besonderem teilhatte. Seine Kunst, wie auch seine Vorträge, waren unaufgeregt und unaufdringlich und wussten dadurch umso mehr zu bewegen. Er bemühte sich nicht einem bestimmten Zielpublikum zu gefallen. „Kunst zielt nicht“, zitierte er oft, „wenn du ins Schwarze getroffen hast, wirst du‘s schon merken“. Und er traf beeindruckend oft.

Christof Stählin war ein Wortvirtuose, der Staunen machte und immer wieder neue kleine Lichtlein entzündete. Ich schätze mich sehr glücklich, an seiner Welt teilgehabt haben zu dürfen. Auf dass es in der Spielerrunde immer mehr gibt, die auf Herz setzen. Und alles auf eine Karte.

Masha Potempa

 

Ein Kommentar zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Alter Musketier“

  1. Karl
    23. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    „Kunst zielt nicht“, zitierte er oft, „wenn du ins Schwarze getroffen hast, wirst du‘s schon merken“
    Er trifft mich – immer und direkt ins Herz. Schade, dass ich ihn so spät wieder entdeckt habe. Ich hoffe er merkt es auch jetzt noch, dass er getroffen hat.

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