Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Katja Ebstein: „Es tut gut, hier in Dresden zu sein – on the road again!“

Katja Ebstein C Jahn

Katja Ebstein begeistert mit einem völlig neu zusammengestellten Konzertprogramm ihr Publikum im Dresdner Boulevardtheater

Ein Konzertbericht von Anne Drerup

Sonntag, 20. September 2015, 18.30 Uhr im Boulevardtheater Dresden: Mit Spannung erwartet ein gut gefüllter Saal „Katja Ebstein in concert“. Vielleicht hilft vorab ein Applaus, damit das Konzert beginnt?! Möglich, denn nur wenige Augenblicke später betritt Ebsteins Pianist Stefan Kling die Bühne und spielt ein kraftvolles Intro. Als die Künstlerin mit „On the road again“ das erste Mal im Scheinwerferlicht zu sehen ist, empfängt sie das Publikum begeistert klatschend – wohlwollend zur Kenntnis nehmend, dass Katja Ebstein dabei die Zeile „Es tut gut, hier in Dresden zu sein!“ singt. Eine herzliche Begrüßung, die sich auch in der ersten Anmoderation fortsetzt. Das heutige Bühnenprogramm sei ganz neu – und relativ kurzfristig – zusammengestellt, erklärt Katja Ebstein dabei, und setzt damit gleich ihr Motto „Nie anfangen aufzuhören, und nie aufhören anzufangen“ sowie die appellative Botschaft der wunderschönen Ballade „Sei nicht alt“ selbst in die Tat um. Und wirklich – auch wer Katja Ebsteins Konzerte häufig besucht und die einzelnen Lieder aus ihrem umfangreichen Repertoire alle kennt, wird an diesem Abend mit einer neuen und facettenreichen Konstellation, einer gelungenen Mischung aus zeitkritischen Liedern verschiedener Liedermacher, große Musicalballaden, Berliner Couplets, Jazz- und Gospelstücken, Hits und Evergreens sowie Rezitationen und vertonter Poesie überrascht.

Auf tiefgründigen Texten, die zum Nach- und Umdenken animieren, und auf solche, die zu einer engagierten Haltung Mut machen, die stärken, ob im gesellschaftlichen oder ganz persönlichen Bereich, darauf liegt bei den ausgewählten Liedern und Gedichten der größte Schwerpunkt. Mit „Sind wir wirklich noch zu retten?“ von Bischoff führt Katja Ebstein eindrücklich die fortschreitende Selbstzerstörung der Menschheit vor Augen, was die Lieder „Wer will unter die Piraten“ und „Feste Jungs“ ebenfalls unterstreichen. Bei der Strophe „Feste Jungs, macht nur weiter so, ihr bekommt schon alles kaputt! Schafft Bomben euch und Panzer an – die Menschheit braucht sie irgendwann! Will einer nicht dein Bruder sein, dann schlag ihm gleich den Schädel ein. Wenn er nicht deiner Meinung ist, dann mach ihn lieber tot – am besten für den lieben Gott!“ wünschte man sich wohl am meisten, sie hätte an Aktualität verloren…Sollen tatsächlich verschiedene Glaubenshaltungen Schuld an Krieg und Not sein – oder ist es nicht eigentlich die Gier und der Neid von uns Menschen, wie „He du da“ karikiert, die Hass und Gewaltbereitschaft auslösen?

Als einzelner vermag man kaum, die ganze Welt zu verändern, wohl aber, seine eigene Haltung, was zu einer Verbesserung, zumindest des direkten Umfeldes, beitragen kann. „Das Risiko muss man bejahen – man arbeitet ohne Seil! Es macht nichts, wenn man sich außen verletzt – innen bleibt man heil“ heißt es in Eva Strittmatters Gedicht. Und auch das klangvolle „Wo ist man zuhaus“ macht immer wieder Mut und lässt hoffen: „Die Freiheit fängt im eignen Kopfe an.“

Ein Gedanke, den auch Katja Ebsteins Lieblingsdichter und in gewisser Weise selbstgewählter Alter Ego Heinrich Heine unterstützen würde. Und so verwundert es nicht, dass gleich an mehreren Stellen Gedichte und Zitate Heines in das Programm miteinfließen: Im ersten Konzertteil einmal humorvoll im Liebesgedicht „Sie saßen und tranken am Teetisch“ und einmal gesellschaftkritisch in dem vertonten „Die schlesischen Weber“, bei dem die Klavierbegleitung den krachenden Webstuhlrhythmus übernimmt. Das Thema „Liebe“ soll aber auch nicht zu kurz kommen, und so sind zwischen den ernsten, mahnenden Stücken auch Lieder wie „Die Liebe bleibt“, „Stark sein“ oder das jazzige „Funny Valentine“, das übrigens bis auf die Titelzeile einen deutschen Text hat, miteingeflochten. Mit dem großen und stimmgewaltigen Musicalhit „Wein nicht um mich, Argentinien“ aus „Evita“ entlässt Katja Ebstein ihr stetig begeistertes und applaudierendes Publikum in eine kurze Pause.

Katja Ebstein Clemens JahnEnergiegeladen geht es nach ebendieser weiter. Stefan Kling eröffnet den zweiten Konzertteil mit einem improvisierten und faszinierenden Klaviersolo, das die verschiedenen Melodien des Programms miteinander verbindet. Eine ist darin ganz deutlich zu erkennen: „My way“ – also wird „Berlin“ (das ist jetzt dein Weg) noch kommen, schießt es dem Kenner durch den Kopf. Dieses Lied wird an dem Abend zu den größten Gänsehautmomenten zählen. Doch zunächst stimmt Katja Ebstein mit „Wir leben noch“ und „Ich hab ein zärtliches Gefühl“ (vergleichsweise) leise Töne an, die die Zuhörer aber ebenso erreichen und ergreifen. An Rezitationstexten präsentiert die Künstlerin nun Hüschs „Ich setze auf die Liebe“ und Heines „Welcher Frevel, Freund“. Letzterer sorgt, neben den Berliner Couplets „Wenn ick dann mal reich bin“ und vor allem „Wenn Vata wieda aus Zuchthaus kommt“, für die größten Lacher.

Dass sie nicht ohne kritische Texte auskommt, stellt Katja Ebstein mit dem spontan eingefügten „Immer dann“, ihrer für einen Rap vielleicht zu melodiösen, inhaltlich aber sehr starken Eigenkomposition unter Beweis.

Stefan KlingDafür ist Stefan Kling kein Weg hinter die Bühne zu weit – während er den Text holt, erläutert sie, dass Kritik am ehesten dann akzeptiert und nicht bekämpft wird, wenn man sich selbst nicht davon ausschließt, einer „Selbstanklage“ hat wohl kaum jemand Argumente entgegenzusetzen. Und so heißt es gleich zu Anfang: „Wo sind wir gelandet nach all diesen Jahr’n? Wir wollten mal so was wie Werte bewahr’n. Doch hat uns Geschichte kein bisschen geschliffen – wir haben immer noch nicht begriffen!“ Ähnlich kraftvoll geht es mit „Wölfe und Schafe“ weiter. Die ruhige Ballade „Wo sind die Clowns“ aus dem Musical „Kleine Nachtmusik“ bildet unter den ganzen Powerstücken eine Ausnahme. Vor so viel Energie verneigt sich daher sogar einmal das Standmikrofon, das Stefan Kling daraufhin mit geschicktem Handgriff zurück in sichere Position befestigt. Neben dem eingangs erwähnten „Berlin“ ist es Adamos „Inch Allah“, das durch Stimme wie Botschaft den intensivsten und anrührendsten Eindruck hinterlässt – sofern man nicht, wie lediglich vereinzelte Zuschauer es zu sein scheinen, auf Schlager und insbesondere Ebsteins Grand-Prix-Hits fixiert ist. Doch auch die kommen am Ende des offiziellen Konzertteils auf ihre Kosten, denn Katja Ebstein singt und performt „Theater“.

Auf Standing Ovations und nicht enden wollendem Applaus folgt ein Zugabenteil aus vier (!) Liedern: Zunächst ein Hit-Medley, dann der Gospelsong „Jubilation“, bei dem es das Dresdner Publikum tatsächlich schafft, Offbeat zu klatschen und durchzuhalten. Zur großen Überraschung aller hat Katja Ebstein eine Mitsing-Version von „Wunder gibt es immer wieder“ mitgebracht – „Eigentlich ist es ja MEINE Arbeit, die Lieder zu singen, und nicht, wie es viele Künstlerkollegen tun, das Mikrofon ins Publikum zu halten!“, erklärt die Künstlerin schmunzelnd ihre bisherige Scheu vor solch einem Schritt. Umso begeisterter stimmen die Zuschauer lautstark in den Refrain mit ein. Bei dem Antikriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind“ wird der Saal noch einmal ganz still. Ist das nun der Abschluss des Konzertes? Nicht ganz – Katja Ebstein verabschiedet sich mit einem weiteren Heinrich-Heine-Gedicht: „Werdet nur nicht ungeduldig“, verbunden mit dem Wunsch, die Menschen mögen heile Herzen haben.

Ungeduld ist dann auch tatsächlich unangebracht. Der Abend ist noch jung, und ziemlich bald nach ihrem Auftritt erscheint Katja Ebstein vor dem Saal, um Autogrammwünschen nachzukommen und aktuelle CDs zu signieren. Ein Konzerterlebnis, das das Dresdner Publikum wohl nicht so schnell vergessen wird!

www.katja-ebstein.de

 Fotos:(co) Clemens Jahn

 

 

 

 

3 Kommentare zu “Katja Ebstein: „Es tut gut, hier in Dresden zu sein – on the road again!“

  1. roterbaer
    4. Oktober 2015

    Danke, Anne, zum einen dafür, dass Du mich „hingeschubst“ hast,denn allein wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen. Zum zweiten dann für diesen sehr liebevollen Konzertbericht. :-)
    P.S.: In FB habe ich das einzige „gerettete“ Foto von Stefan selbst angehängt. Hier she ich keine Möglichkeit – vielleicht könnt Ihr das ja noch tun :-) .

    • achtellorbeerblatt
      4. Oktober 2015

      Ich habe das Bild noch eingefügt – Danke! Rike/EAL

    • Anne Marie Drerup
      4. Oktober 2015

      Gerngeschehen, es war mir eine große Freude! Danke dir für die Fotos – auch wenn ja leider ein paar schöne verloren gegangen sind! Das Layout des Berichts für EAL ist Rikes Werk und Verdienst – ich kann hier keine Fotos einstellen, aber vielleicht hat sie Zeit und Lust. Von Stefan kam heute Vormittag übrigens ein Dankesgruß auf den Link zum Bericht per Mail! ;-)

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