Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Edle Schnittchen – Zum Mond schießen

edle schnittchen zum mond schiessen

von Matthias Binner

Ein irritierend an Kurt Weill erinnernder Vollmond; davor Sarah Ley als sonnenbebrillte Grace Kelly-Homage im Blümchenkleid, Sarah Rama Zuber gibt mit Leinenhemd, Hut und Hosenträger den Louis Armstrong dazu – schon auf dem Cover müht sich das Schweizer Duo „Edle Schnittchen“ um größtmögliche Distanz zu den Klischees, die die SVP als Schweiz-typisch zementieren will.

Von wegen Jodeln auf der Alm: Bass, Hawai-Gitarren und Ukulelen eröffnen „Zum Mond schießen, Streicher, Bläser und Chöre kommen hinzu – nichts ist mit angeblich typisch schweizerischer Sparsamkeit. Hier lässt man´s krachen, und das hört sich toll an!

Tempos, Grooves und Instrumentierungen wechseln bunt ab, mal süd-, mal nordamerikanisch, mal difffus nostalgisch – doch auch die gewitzten Arrangements und Instrumentierungen können nicht 10 Titel lang darüber hinwegtäuschen, dass Sarah Rama Zuber Kompositionen durchaus eine größere harmonische und melodiöse Bandbreite zu gönnen wäre. Die kompositorischen Grundstruktur der Lieder wiederholt sich doch arg schnell, das könnte vor allem bei Duo-Konzerte ohne Band schwierig werden. Ob Sarah Leys mädchenhafte Stimme eine Terz tiefergelegt nicht entspannter durch diese Abende trüge, wäre einen Versuch wert. Fraulicher klänge es sicher – müsste sie natürlich wollen!

Stichwort Wollen: Die Schnittchen wollen für eine bunte, freie, verzauberte, romantisierte Welt werben, in der z.B. in Kalkutta geborene Schweizerinnen im Frack mit Frauen Shimmy tanzen dürfen, wenn sie Lust dazu haben – wer wollte das nicht loben?

Diese Werbung greift immer dann, wenn diese Welt konkret greifbar wird. Die Wärme und Zärtlichkeit, mit der die für´s Booklet photographierte, ergo reale „Anna-Lena“ besungen wird, berührt sofort und jeden. Oder die Einladung in „Don Juan„: „Kommst du mit auf meinem Fahrrad einmal um die Welt / erst bestehlen wir die Reichen / dann behalten wir das Geld / komm, wir malen alle Häuser bunt, wenn uns niemand sieht / und schicken einen Gruß an Udo Jürgens, weil er schrieb unser Lied“ – bei soviel Charme verzeiht man doch die falsche Inversion hinten raus sofort.

Im selben Lied lassen sich aber auch zwei kontraproduktive Tendenzen leider nicht übersehen: Koketterie und Selbstverliebtheit. In den Strophen vergleicht sich Sarah Ley (okay: Das von Sarah Ley verkörperte lyrische Ich, sei´s drum) nacheinander mit – äh: Don Juan, Johnny Depp, Udo Jürgens, Roland Kaiser und Britney Spears. Das ist kokett. Und „Ich bin nicht die Brit – shit “ auf „Ich bin nur ein Edles Schnitt“ zu reimen, das ist selbstverliebt. Für sowas gab´s früher Lektoren!

Die hätten hoffentlich auch dafür gesorgt, dass in „Crème Brûlée wenn-denn-schon der Hund in den Nachbarsgarten scheißt (nicht: „die Katz“) und das „Pardon“ dafür in die Motorhaube eingeritzt wird (nicht: in die „Windschutzscheibe„). Und hinterfragt, was genau uns die Zeile„Wärst du nur hetero / dann benütztest du das Damenklo?“ (in eben: „Hetero“) verraten will – und warum.

Der Hang, die eigenen schöne Ideen vergnügt Zum Mond schicken“ zu wollen, anstatt sie zu verwurzeln und zu erden, schwächt leider viele Lieder.

Aus 500km bis Paris“ z.B. hätten zwei schöne Texte werden können – einer, der sich von Kilometerzahlen aus zu den verschiedensten Orten der Welt träumt („Es sind 500 km bis Paris und 130 auf den Titlis“„); einer, der allegorisch verdeutlicht, warum Liebe nie spurenlos bleibt („Wenn der Regen aufhört, bleibt ein nasses Feld zurück / und von dir bleibt immer ein großes Stück“). Warum diese Gedanken aber zu einem Lied zwangsverheiratet werden mussten, klärt auch die bemühte Vernäh-Strophe nicht auf: „Und sind Adam und Eva weg, / bleibt für uns das Paradies / und 500 Kilometer sind es bis Paris“. 500km sind´s eben auch nach Paris, wenn Adam und Eva noch nicht weg sind – und im Paradies dürften eh andere Maßeinheiten gelten.

Der Titelsong fängt schön an: „Zum Kuckuck jagen werde ich dich nicht / denn was kann der arme Kuckuck schon dafür“ – doch der banale „Viva l´amor, viva l´amor, viva!„-Refrain reduziert solche Wortspiele zu rhetorischen Fingerübungen ohne Belang. Und die Schnittchen singen ein paar Mal zu oft und vor allem zu diffus darüber, wie aufregend, glamourös und sexy ihr Leben doch sei – der hedonistische Eskapismus wird eher behauptet als vorgelebt.

Das Gegengift findet sich am Ende der Platte (7. Juli-Lied). Die Antwort auf die Fragen „Wer denkt wie du und viel zu oft an dich / Wer springt mit dir über Schatten, führt dich manchmal hinters Licht / Wer macht beim Küssen deinen Bauch ganz kribbelig? “ lautet eben nicht „Viva l´amour“. Sondern: „Seit 16 Tagen und 4 Stunden nicht mehr ich“ – Mut zur Ehrlichkeit, zur Echtheit, zur Verletzbarkeit steht auch Edlen Schnittchen gut.

Spannende Platte!

www.edleschnittchen.ch

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