Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Grenszland – Kirschen teilen

Kirschen teilen

Zeit zum “Kirschen teilen” – und zum Nachdenken dabei

 von Anne Drerup

Das außergewöhnliche Album von Grenszland (Johan Meijer und Jos Koning) hat durchgängig Texte mit Tiefe. Schwerlich lässt es sich einfach zur Untermalung anhören, und erst recht kann man wohl kaum behaupten, seine Lieder sofort in seinen Facetten und Deutungsmöglichkeiten zu erfassen und zu verstehen. Außer vielleicht, man ist Gerhard-Gundermann-Experte und mit dessen Liedern sehr vertraut. Denn für sein Album “Kirschen teilen“, das sowohl in deutscher als auch in niederländischer Sprache erschienen ist, hat das Duo Grenszland überwiegend Songs von ‘Gundi’ ausgewählt und neu interpretiert, wie es auf dem CD-Cover heißt. Eigene Lieder oder die Stücke weiterer europäischer Liedermachergrößen fügen sich aber ideal in das Repertoire eines außergewöhnlichen Albums ein – und so lohnt es sich, sich wirklich Zeit zu nehmen, die Lieder anzuhören und darüber nachzudenken.

Grenszland – das Duo besteht aus Johan Meijer (Gesang, Gitarre) und Jos Koning (Geige). Das Foto auf der Rückseite der CD zeigt die beiden Musiker, wie sie in eine Landkarte und damit auf ihren Weg vertieft sind, den Rahmen bildet die Kontur einer Europakarte. Internationalität, das spiegelt auch ihre Liedauswahl wieder: Denn auf zwei kontrastreiche Introstücke Gundermanns – das gesellschaftskritische Lied “Schwarze Galeere” und den stimmungsvoll, ruhig besungenen “Möwen”, die Schiffbrüchigen Hoffnung schenken, folgt eine Übersetzung des französischen Originals von George Brassens: “Sterben für Ideen” (okay, doch nicht mit Eile!). Ein starker Text, der gerade in den heutigen Wirren nichts an Aktualität und Wirkung verloren hat, wird von der Gitarre im passenden abgehackten Marsch-Rhythmus begleitet, später reiht sich eine Geigenmelodie mit ein. Was den Stil des Grenszland-Duos ausmacht, und positiv auffällt, gerade in der schnelllebigen, reizüberfluteten Welt, sind innere Ruhe und Zeit – für längere instrumentale Passagen zum Beispiel, um Stimmungen über unterschiedliche Dynamik zu kreieren. Schade ist dabei allerdings, dass die Geige in ihrer Lautstärke häufig dominiert, sodass es, gerade zum Ende der Lieder hin, schwer wird, den Gesang und damit die Texte allein über das Hören zu verstehen: So zum Beispiel bei dem ernsten und ungewöhnlich schwermütigen “Kleiner Johann” (Original “Grand Jacques” von J.Brel) oder Gundermanns “Leine los” und “Kämpfen wie Männer” – da ist es dann hilfreich, wenn man die Texte dazu lesen bzw. sich das Original einmal anhören kann. Eindeutig und gut verständlich ist hingegen die Botschaft in “Mensch, trau dich zu leben”, einem Carpe-diem-Song von Dirk Witte, der dazu ermutigt, den eigenen Weg zu gehen, und dabei nichts auf Vorschriften oder Ratschlägen durch andere zu geben.

Als große Themen, die die Stücke, einmal abgesehen vom Stil ihrer Umsetzung, miteinander verbinden, könnte man Erinnerung, Entwicklung, Vergänglichkeit, Selbstfindung und das Spannungsfeld zwischen schicksalhaftem Zeitgeschehen und der eigenen Verantwortung nennen – natürlich auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Während die Ballade “Schiffe liegen am Kai” (russisches Original von Wladimir Wyssozki) schwermütig vom Abschied der Seefahrer erzählt, von denen es heißt “die wichtigsten kehren nicht zurück!”, beleuchtet das melodiöse “Anna Paulowna” die persönlichen Erinnerungen Johan Meijers an seine Mutter, auch seine Sehnsucht nach ihr. Aus seiner Feder stammt auch noch ein weitere Eigenkomposition, “Die drei Ringe”, ein Lied, das man auch beim Liedertreffen in Landshut (2014) auf der Bühne erleben konnte. Es ist eine eindrucksvolle und sehr persönliche Ballade auf die Heimatstadt in den Niederlanden. Eine Anspielung, wie es zu dem Titel gekommen ist, erfährt man dabei erst relativ am Ende des Liedes über den “Susterweg in Amerswort”: “Ich glaube an Lessings Wort” – und damit wohl vor allem an die Ringparabel. Mit dem Albumtitel “Kirschen teilen” verhält es sich im übrigen genauso – nur bei genauem Hinhören erschließt sich, dass es sich als Zeile in Gundermanns “Soll sein” wiederfindet, ein Lied über die Wunschvorstellung einer besseren Welt, wobei das Lied Basis zur Umsetzung in die Realität “sein soll”. Zumindest der Glaube daran sollte einem laut Gundermann nicht abhanden kommen, auch wenn es “In meines Vaters Land” alles andere als rosig aussieht, und “Die Zukunft” eine abgeschossene Kugel ist, die mich mit Sicherheit trifft, und mein Einfluss nur insoweit reicht, dass ich bestimme, wo. Noch weiter auf die ganz persönliche Ebene gehen das traurige Liebeslied “Fliegender Fisch”, “Gras” sowie “Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug”. Letzteres zeigt große Schwermut und auch Resignation: “Wo soll ich landen, wenn der Tank leer ist? Wo ist ein Rollfeld für mich frei?” Einen großen Kontrast hierzu bildet wohl das Stück “Männer und Frauen” (polisches Original von Grechuta/Pawluskiewicz), das im Refrain keck fordert: “Von jedem Tag will ich was haben, das ich nicht vergesse: Ein Lachen, ein Sieg, eine Träne, ein Schlag in die Fresse!”

Zwischendrin sind auch zwei komponierte Instrumentalstücke von Jos Koning eingestreut: “Fyn Swyntie” und “Nachtflug” – beide schaffen auf ihre Weise eine besondere Stimmung und ermöglichen dem Zuhörer, eigene Bilder und Geschichten dazu zu entwickeln.

Ob sich das Album “Kirschen teilen” zu hören lohnt? Für eingefleischte Liedermacherfans sollte darin kein Zweifel bestehen. Infos, auch über aktuelle Tourdaten, gibt es unter www.grenszland.de Übersetzungen der Texte unter www.nederossi.de.

 

 

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