Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Katja Ebstein bewegt und berührt mit “Na und – wir leben noch!” ihr Publikum im Theater grüne Zitadelle in Magdeburg

“Sind wir wirklich noch zu retten?”

Ein Konzertbericht  von Anne Drerup

Katja Ebstein (22)

Sonntagnachmittag, 28. Februar 2016: Vor dem Hundertwasserhaus in Magdeburg, genauer gesagt, dem Eingang des Theaters grüne Zitadelle, sammelt sich eine Menge erwartungsfroher Zuschauer für das bereits seit Wochen ausverkaufte Konzert von Katja Ebstein und strömt beim Einlass um 15 Uhr in den atmosphärisch schönen Saal. Gut ein Jahr zuvor, im Januar 2015, trat die politisch und sozial engagierte Künstlerin mit großem, facettenreichen Repertoire bereits bei “Magdeburg kontrovers” in der grüne Zitadelle auf, und begeisterte mit ihren Rede- und einzelnen Liedbeiträgen derart, dass man ihr das Versprechen abrang, mit einem kompletten Konzertprogramm wiederzukommen. Dies löst Katja Ebstein nun ein: mit ihrem starken – und wie es scheint, stetig an Aktualität gewinnenden! –  kritisch-satirischen Lieder- und Rezitationsprogramm “Na und – wir leben noch!”.

Es ist 16 Uhr, das Saallicht verlöscht. Während Pianist Stefan Kling unter großem Applaus am Flügel Platz nimmt, bekommt eine Zuschauerin ganz rechts außen in der ersten Reihe zunächst einen gehörigen Schrecken und dann einen leichten Lachanfall, als sich plötzlich Katja Ebstein von hinten an ihr vorbei zur Bühne schlängelt. Mit einer guten Portion Humor begrüßt die Sängerin ihr Publikum: “Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?!”, sagt sie lachend mit einem Blick auf den sehr schmalen, aber doch vorhandenen Mittelgang zur Bühne, bevor sie mit Hans-Dieter Hüschs “Ich sing für die Verrückten” in unverwechselbaren Timbre den ersten Konzertteil eröffnet. Daraufhin bildet die Rezitation Tucholskys Rede “An das Publikum” einen deutlichen Kontrast: “Hochverehrtes Publikum – sag mal, bist du wirklich so dumm?! Wie es uns an allen Tagen all diese arroganten Kritiker sagen? (…)” Die sich dabei herauskristallisierenden Vorwürfe – oder aber auch Ausreden als Erklärung für die Vorherrschaft seichter Unterhaltung und Mittelmäßigkeit – mit der Konklusion, dann habe das Publikum es eben nicht besser verdient, trifft auf die Zuschauer in Magdeburg wahrlich nicht zu: Im Gegenteil, bei der positiven Energie, die Katja Ebstein versprüht, geht das Publikum begeistert bei jedem Stück mit, hört aufmerksam zu und spendet kräftig Applaus – auch gerade bei solchen Themen, die nachdenklich stimmen – sie gehen unter die Haut. “Na und – wir leben noch” ist eine gelungene Zusammenstellung aus berührenden und bewegenden Liedern bekannter Liedermacher und Kleinkünstler, wie Hoffmann, Wader, Wecker, Kreisler, Sulke uvm., die im Wechsel mit eindrücklichen (teils auch vertonten!) Gedichten und Texten von Heine, Brecht, Kästner, Wegener und anderer vorgetragen werden. Der Titel des Programms leitet sich zum einen von Hoffmanns “Wir leben noch” und zum anderen von Bischoffs Gedicht “Sind wir wirklich noch zu retten?” (oder tun wir nur, als ob? Haben wir Spaß an unserer Arbeit – wenn wir denn eine haben! – oder einfach nur nen Job?! (…) Ach, was sind wir doch genial, in diesem Jubel-Jammertal. Wir pfeifen auf dem letzten Loch – doch wir leben immer noch!”) ab. Fragt sich nur, ob wie lange es noch so weiter geht – denn dass es eigentlich längst schon nach und nicht mehr fünf Minuten vor zwölf ist, wenn man die Irren und Wirren der heutigen Welt betrachtet, zeigt Katja Ebstein mal mit laut nachdrücklichen Tönen ( “Feste Jungs”(Long) , “Wozu sind Kriege da?” (Lindenberg) oder den Texten “Was haben euch die Kinder getan?” (van Veen) und Süverkrüps “Wirtschaftsbericht” der Waffenindustrie), dann wieder mit leisen Stücken (z.B. Wünsche (Wader), “Samoa” (Kreisler) oder das wunderschöne, von Hüsch der Künstlerin gewidmete Gedicht “Frieden fängt beim Frühstück an”), die nicht minder zum Nachdenken anregen, weil sie im besonderen Maße berühren. Natürlich trägt Ebsteins selbstgenannter “eigener Parteitag” in ihren Ansagen und Zwischenmoderationen noch weiter dazu bei, aktuelle Bezüge zur Gesellschaft und Lebenssituationen herzustellen, sie rüttelt ihre Zuhörer auf und unterstreicht die Wichtigkeit (sozialen) Engagements aller – gerade auch in Form des kritischen Hinterfragens von Regierungsmächten und des zivilen (aber gewaltfreien!) Ungehorsams. Diese Darstellung ihre Haltung beschränkt sich dabei nicht nur auf ihre Überleitungen – nein, Katja Ebstein kann dies auch mitten im Lied, wie im selbstironischen, von Kreisler geschriebenen “Ebstein, sei positiv!”, bei dem sie auf ein Stichwort hin den Gesang unterbricht und über Korruption und Gesetze wettert, die solches Vorgehen auch noch erlauben und fördern. Dank ihres brillianten Pianisten Stefan Kling steigt sie daraufhin nahtlos in das Lied wieder ein. Ebenfalls im ersten Teil genießen können die Zuhörer die Lieder “Wer will unter die Piraten” (Sulke), “Vaterland” (Wader) und “Du lieber Gott, komm doch mal runter” (Sulke) sowie die Rezitationen “Ich frag mich, ob ihr einen wisst” (van Veen),  “Jesus” (Wegener) und die Geschichte von “Ali” (Lindenberg), der in zwei, und dann letztlich doch in keiner der beiden Kulturen beheimatet ist.

Katja Ebstein (18)

Nach einer kurzen, mit anregenden Gesprächen gefüllten Pause beginnt der zweite Konzertteil, der beleuchtet, was bei allen Missständen und Elend trotzdem Hoffnung gibt und damit Kraftquelle sein kann: die Liebe in all ihren Facetten. Ob in den Beziehungen zwischen Menschen, dem Menschen und der Natur oder auch zur Heimat, die für manche vielleicht nur noch in Erinnerungen existiert…”Ich setze auf die Liebe” lautet Hüschs Devise, die dem rührenden Lied “Ich hab ein zärtliches Gefühl”(van Veen) vorangeht. Gleich einen ganzen Zyklus verschiedener Liebesgedichte, rezitiert oder in Liedform, gibt es von Katja Ebsteins Lieblingsdichter und “Alter Ego” Heinrich Heine: das zum Schmunzeln anregende “Sie saßen und tranken am Teetisch”, das leicht melancholische “Die Liebe begann im Monat März” sowie das deftige und viele Lacher auslösende “Welcher Frevel – Freund!”. Überboten wird dies nur noch durch das Berliner Couplet “Wenn Vata wieda aus Zuchthaus kommt”, bei dem jede Strophe mit einer noch größeren Pointe aufwartet. Die Liebe nach Berliner Schauze ist aber nicht ausschließlich fröhlich und heiter, wie das “Wenn ick dann mal reich bin” (Sulke) zeigt. Sie kann auch fragil und von Kummer begleitet sein, wie beim “Wunderkind”(Hollaender) auf dem Jahrmarkt, oder beim Gedanken,zwangsemigriert nicht wieder in die geliebte Heimat zurückkehren zu können, was Mascha Kaleko in “Kein Kinderlied” ausdrückt. Dass Liebe (und Frieden) schützenswerte Pfeiler des menschlichen Daseins sind, unterstreichen besonders eindrucksvoll das Gedicht “Kriege lassen sich nicht verhindern” (Kästner) sowie das von Bettina Wegener geschriebene und a-cappella vorgetragene Lied “Sind so kleine Hände”, bei denen es ganz still im Publikum wird. Mit Heines “Auf die Berge will ich steigen” aus der Harzreise endet das offizielle Konzert und mündet in tosendem Applaus. Trotz zeitnahem Anschlusstermin beschenkt Katja Ebstein ihr Publikum noch mit vier Zugaben: Zwei kurzen Gedichtvertonungen Bertholt Brechts (“Der Pflaumenbaum”, “Karriere eines Pferdes”) sowie Weckers Lied zur Wiedervereinigung “Prost Deutschland” und schließlich “Sag mir, wo die Blumen sind”.

Katja Ebstein (1)

Das Konzert ist vorbei, doch es wirkt bei den Zuhörern noch lange nach. Bereits in der Pause lassen sich viele lobende Worte vernehmen, verbunden mit der hoffnungsvollen Frage: “Katja Ebstein kommt doch noch einmal wieder nach Magdeburg?” Eine größere Bestätigung kann es für die Künstler – und das Theater – wohl kaum geben.

www.katja-ebstein.de

Fotos: (CO) Anne König

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