Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Peter Dürer – Wiener Melange

WienerMelange
von Anne Drerup

Gelungene Mischung aus persönlichen und textlich vielschichtigen Liedern

Peter Dürer bleibt sich und seinem Stil auch mit seinem zweiten Soloalbum „Wiener Melange“ treu

Er ist nicht untätig geblieben in den letzten beiden Jahren, und just bevor sich seine Daumen entzündeten, sodass Gitarre zu spielen erst einmal unmöglich war, brachte er sein zweites Soloalbum zur Vollendung: Liedermacher Peter Dürer aus dem österreichischen Auland veröffentlicht im Mai 2016 seine „Wiener Melange“. Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass er diese bald auch wieder auf der Bühne präsentieren kann, denn es handelt sich um eine gekonnte Zusammenstellung aussagekräftiger, musikalisch vielseitig gestalteter Lieder – ob nun auf der ganz persönlichen oder der gesellschaftskritischen Ebene. Dabei haben sie alle aber auch etwas gemeinsam: Authentizität, gedankliche Tiefe und – mit der Ausnahme von „Traumfänger“ – die Wiener Mundart.

Zehn ausgewählte Stücke bilden die Melange, die Mischung, die für Peter Dürer typisch ist. Als Bonustrack und gewisses Schmankerl serviert er seinen Zuhörern eine A-capella- Version der Kernpassage aus seiner witzigen Liebesballade „I hob di so gern“, wobei der zweistimmige Refrain noch einmal besonders gut zur Geltung kommt. Dieser Wohlfühl-Song, der neben gesprochenen Zeilen auch mit einer ungewöhnlich hellen Stimmlage des Liedermachers überrascht, beschreibt die Situation beim Aufwachen an einem arbeitsfreien Tag neben einem geliebten Menschen – wer wird da wohl aufstehen wollen? Natürlich keiner, auch wenn es sicherlich vernünftige Gründe dafür gäbe – im Bett zu bleiben und zu kuscheln ist einfach schöner. An Harmonie kann dieses Stück lediglich die bereits bekannte Liebesballade „Du wirst imma mei Madl bleibn“ überbieten, die das wunderbare Kennenlernen der großen Liebe erzählt, die bereits seit 30 Jahren Bestand hat – vielleicht ein ganz persönliches Geschenk zum Hochzeitstag? Sowohl von der Instrumentierung als auch vom Text könnte es sich sonst glatt um den Soundtrack für einen Märchenfilm handeln.

Das Intro der CD bildet allerdings eine ruhige, melancholische Ballade über eine verlorene Liebe und verpasste Chancen: „Olles tät i gebn“ (wann i di heut noch hätt). Dieses in angenehmer Gitarrenbegleitung gestaltete Stück, das sich ab der Mitte mit zusätzlicher Percussion und Mundharmonika-Spiel in der Überleitung steigert, vermittelt die eigene Einsicht, das eigene Glück nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, sondern möglichst daran festzuhalten. Dass dies trotzdem nicht immer möglich ist, zeigt das spätere schwungvolle Pendant „Sabrina“ mit Ohrwurmcharakter: Hier versucht der Sänger zu verarbeiten, dass seine Freundin ihm den Laufpass gegeben hat und sich darüber hinaus noch alle Freunde über die Kränkung lustig machen.

„Taxifohrer Blues“ nimmt sowohl in seiner Alltagsrelevanz als auch in der kraftvollen musikalischen Umsetzung eine besondere Stellung innerhalb der persönlichen Liedern ein: ein Appell an einen Taxifahrer, das Ich bloß raus in die Glitzerwelt bzw. später nichts als in die Ruhe nach Hause zu bringen – Bus und Bahn sind zu unbequem und verstopft, und selbst am Steuer dürfte man ja nichts trinken…

Die zweite Hälfte des Albums lässt sich eher als Auseinandersetzung mit der komplexen und heiklen, manchmal brandgefährlichen und besorgniserregenden Gegenwart bezeichnen, und wie man selbst seinen eigenen Weg findet, damit umzugehen: „In Scharen zeih’n sie übers Land“ heißt Peter Dürers Flüchtlingslied, dessen spannungsgeladenes Thema auch in der Musik spürbar wird, durch die Läufe der Geige, die auch fremde Klänge miteinbezieht, den eindringlichen Rhythmus und Staccato-Töne. Es schildert die Ablehnung, die die fliehenden Menschen erleben, klagt den beschwerlichen Weg, das „Nicht-Ankommen“, die traurig lange Tradition von Flucht und Vertreibung generell sowie die Ursachen für die massenhafte Bewegung an. Wie er persönlich dazu und gleichsam zu der immer stärker vorherrschenden Gewalt im Namen einer Religion, der Massakrierung der Freiheit, steht, zeigt der Sänger in seiner Rockballade „Der Wolf in mir“ auf sehr eindrückliche Weise. Es geht um den inneren Widerstand, der sich regt, ja regen muss, um sich selbst zu fragen, was man zu einer Besserung beitragen kann, und dem Wunsch, mit Optimismus seinem Ideal zu folgen:

„Der Wolf in mir, jetzt is er munter // Jo i waß, a bissel grau is er wordn.// Oba so alt kann er gar ned werdn, // und so langs ned geht ans Sterben // wird er aufheuln, wenn die Freiheit am Spiel steht. // Und je lauter er heult, umso mehr weckt er vielleicht.// Und dann heul’n ma, mitanander, bis man uns hört.“

Auch die andere Perspektive, das Leben in der heutigen westlichen Gesellschaft, wird kritisch beleuchtet: „Manchmol frog i mi wia des früher wor“ nimmt zu Beschleunigung und irrsinnigem Wachstum, bei dem Mensch und Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, eine ablehnende Haltung ein. Da hilft nur die eigene Entscheidung, auszusteigen, und „Frei wie der Wind“ im Hier und Jetzt zu leben und seine Zeit individuell zu nutzen. Es ist wohl kein Zufall, dass diese beiden Lieder gleich aufeinander folgen…

Das eingangs erwähnte „Traumfänger“ ist schließlich ein ganz besonderes Stück, nicht nur, weil es in deutscher Sprache gesungen wird. Die beruhigend wirkende Ballade mit poetischen Wendungen schafft eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit und dabei für jeden Zuhörer einen ganz persönlichen Deutungsspielraum. Dass eine Verbindung der beiden Welten möglich ist, zeigt zumindest der Dank an den Traumfänger, durch dessen Handeln eine wahre Begegnung mit „ihr“ stattfinden kann – wer sie auch sein mag.

Freunde tiefgründiger Texte und authentischer Musik sollten sich die „Wiener Melange“ nicht entgehen lassen. Sie ist ein wahrer Schatz! Sicher lohnt sich auch ein Blick auf die Homepage, ob und wann es Konzerte geben wird. Die einzelnen Texte lassen sich auch im wunderschön gestalteten Booklet mit- bzw. nachlesen.

 www.peter-duerer.at

Ein Kommentar zu “Rezension: Peter Dürer – Wiener Melange

  1. OIKOS™-Redaktion
    11. August 2016

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