Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Christoph Bürgin – Chömmer so lo (2015)

christofbürgin

von Markus Heiniger

Ganz so solo wie der Titel des Mundart-Albums vermuten liesse, ist Christoph Bürgins erste Liedermacher-CD nicht. Abgesehen davon, dass der im Kanton Solothurn geborene Ur-Schaffhausener vier Titel solo eingespielt hat, unterstützen ihn auf „CHÖMMER SO LO“ (Können wir so lassen) nämlich stets ein paar formidable Bandmusiker. Aber „so lo“ ist natürlich ein Wortspiel und kann auch als „so belassen“ gelesen werden. Möchte man die CD aber tatsächlich so belassen, wie sie ist?

Eh nicht: Weshalb? In Christof Stählins legendärem Programm „Schluchten des Alltags“ erhält der Schöpfer der Welt am sechsten Tage seines Schaffens Besuch. Vom Teufel. Dieser betrachtet sich Gottes frisch erschaffene Werke eingehend und meint darauf mit verschlagener Anerkennung: „Kompliment. Wenn ich du wäre, ich würde alles genau so lassen!“

Am stärksten ist Bürgin, wenn er Geschichten erzählt. „Glattdecker Riifall“ (Glattdecker Rheinfall) allen voran. Das Lied handelt von den ersten grossen Dampfschiffen auf dem Bodensee, von denen eines, eben die „Riifall“, wegen einer Explosion des Dampfkessels, gesunken ist – damals, noch bevor Eisenbahnen und Autos qualmten – und fünf Menschen mit sich in die Tiefen gerissen hat. „Em Mäntig vor Wiehnacht noch de Zwei isch es gsy“ (Am Montag vor Weihnachten nach 14.00 Uhr war‘s) „En Knall wie ‘nen Donner und d Reis isch verby“, (Ein Knall wie ein Donner und die Reise ist vorbei.) Der Moment der Katastrophe wird, in einem wunderbar epischen Chanson, lakonisch präzise beschrieben. Der Pfarrer muss dran glauben, ein Käser, der Steuermann sowie „Frau Sager und Frau Stoll“. Bürgin hat genau recherchiert. Und es gelingt ihm, uns ein grosses Verkehrsunglück des 19. Jahrhunderts bildhaft und lebendig vor Augen zu führen.

Schwachpunkte? Man wünscht sich in Bürgins Stimme hie und a ein bisschen mehr Distanz, ja womöglich sogar einen Hauch Beiläufigkeit, wenn er Dinge sagt wie „Riisegrossi Schiiff, fascht hundert Tone schwer“ (Riesengrosse Schiffe, fast hundert Tonnen schwer.“ Die Dampfer werden durch Pathos und Druck in den Stimmbändern nicht grösser.

Doch vieles möchte man durchaus „so lo“ beim späten Erstling, des erprobten Bandmusikers mit Jahrgang 1957. Die Gitarrensounds etwa, nicht zuletzt jene mit „bottleneck erzeugten“, sind vom Feinsten. Seine Band begleitet den Schaffhausener dynamisch und stimmig, Das in der Regel heikle Zusammenspiel der Harmonieinstrumente Gitarre und Klavier ist professionell abgestimmt. Und vor allem: Man hört ihm gerne zu, dem Barden. Dass Bürgin seine Lieder immer wieder an Fluss- und Seeufern ansiedelt oder draussen auf dem Wasser, darf wohl schon jetzt als Markenzeichen angesehen werden:

Da fahren in „Si stuuned nid schlecht“ (Sie staunen nicht schlecht) geheimnisvolle Schiffe in Häfen ein. Da gibt es, in einem anderen Lied, einen „Fährmann“, der geheimnisvollen, nächtlichen Besuch von drei Musikanten erhält, welche des Fährmanns Tochter, Rattenfängern gleich, aus ihrem Dornröschenschlaf fiedeln und grooven. „Die Aalte Säck“ (die alten Säcke) wiederum erzählen von ihren wilden Fahrten mit dem Weidling auf die Insel Reichenau, wo sie sich „die Lampe“ zu füllen pflegen. Das Lied betrachtet die „alten Säcke“ aus der Perspektive eines wohl noch etwas schüchternen Jungen. Bei den derben „Alten“ handelt es sich demnach wohl kaum um wirklich Alte. Eher um Halbstarke.

Eher schwach ist eigentlich bloss der letzte Track, „Gorilla“. Darin muss der physisch mächtigste unter den Hominiden als Metapher für „Die Sau rauslassen“ herhalten. Bürgin dürfte mit seinem Gorilla auf gewisse Wetterpropheten sowie auf Politiker anspielen, die mit ihren sexuellen Eskapaden unlängst unangenehm auf sich aufmerksam gemacht haben. Der Song, obwohl keine erstklassige Satire, funktioniert durchaus. Aber nur weil ein Bild verstanden wird, muss es deswegen noch lange nicht stimmen. Was ist falsch? Gorillas sind die bei weitem sanftesten unter unseren näheren Verwandten*. Mit leiser und vielschichtiger Kommunikation halten die Riesen, nicht nur Mutter und Kind, steten Kontakt untereinander und die Aggressionsschwelle dabei – gerade auch für Menschliche Begriffe – unglaublich tief. In Zeiten voller Lärm und Gewalt sollten wir langsam aber sicher unsere wahren Vorbilder kennen lernen.

Bürgins Erstling „CHÖMMER SO LO“ ist dem Liedermacher gut geglückt. Christoph Bürgin ist eine Bereicherung der Schweizer Liedermacher-Szene. Man darf gespannt sein, wie er sich weiterentwickelt.

www.christophbuergin.ch/

*Quelle „Menschenaffen, Mutter und Kind von Jörg Hess, (German Edition BaZVy)

 

 

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