Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Manuel Stahlberger – Kristalltunnel (2016)

ManuelStahlberger

von Markus Heiniger

Das Schöne an guter Musik ist, dass sie uns ans Leben erinnert. Und an den Tod. Das Schöne an Stahlbergers Sounds ist, dass sie uns an gute Musik erinnern. Doch unter dem Strich passen die von hartem Elektro-Beat zusammengehaltenen symphonischen Elektro-Klangteppiche gar nicht so schlecht zu Stahlbergers Texten. Und um diese geht es ja in erster Linie. Von ihnen leben die Songs.

Sie sind der Tod. Für fast jeden jedenfalls, der den Ostschweizer beim Schreiben übertreffen möchte. Weshalb? Nach praktisch jedem Titel denkt man sich: Mensch, warum habe ich das nicht selber geschrieben. Und gesteht sich ein. Wahrscheinlich hätte ich das nicht gekonnt. Nicht so trocken und präzise. Stahlberger schreibt mit der erstaunlichen inneren Ruhe eines Mitmenschen, der, inmitten unseres alltäglichen Wahnsinns, sehr plausibel und ohne falsche Anschuldigungen oder Anflügen von Selbstmitleid erklärt, weshalb er gerne ein „Eremit“ wäre.

Der leicht angegraute sportlich schlanke Mann mit seinen grossen, dunklen, tiefblauen melancholischen Augen singt seine von manchen als giftig beschriebene St.Galler-Mundart fast schon zärtlich. Ein Idiom, in dem das Liedermachen, frei von jedem Mani Matter-Schatten, noch jederzeit und von jedem neu erfunden werden kann. Stahlberger tut es. Mit jedem Album neu. Und tourt natürlich durch die Kleinkunstlokale des Landes. Gegenwärtig ist er auch Dauergast in der Schweizer TV-Late night-Show „Deville“, wo er, verlassen hinter seinem Laptop, lakonisch seine eigenen Cartoons kommentiert. Jedes Mal ein Höhepunkt der Sendung.

Was gibt es zu hören auf Manuel Stahbergers neuem Album?

„Lüthis hend gmerkt / Ihri Wend sind z kahl“ (Lüthis haben gemerkt, ihre Wände sind zu kahl). Deshalb haben sie sich ein Bild erstanden. Ein mit Öl gemaltes Original mit Mustern und 3D, wenn man schielt. Der Gallerist hat dem Paar zwar gesagt, es gäbe da noch ein Bild aus dem „Welschen“, mit Blut gemalt. Der Vorteil sei, sowas könne man nicht fälschen. Aber Herr Lüthi findet das nicht gut. Frau Lüthi auch nicht. Ausserdem hätte das Bild auch nicht zu Lüthis Vorhängen gepasst.

Aber dann schneidet sich Herr Lüthi im Keller beim Basteln und malt nun, ganz spontan, selber ein Bild mit Blut. Er wiederholt die Übung und wird darin allmählich richtig gut. Frau Lüthi beginnt es zu grausen vor ihrem Mann. Sie zieht aus. Und genau von da an steuert der Song überraschenderweise auf etwas zu, was Stahlberger seinen Liedern sonst eher selten gönnt. Auf ein Happy End. Frau Lüthi wohnt jetzt in Südfrankreich, zusammen mit einem Jean-Pierre. Gemeinsam besuchen sie regelmässig Frau Lüthis Ex in der Schweiz. Dieser hält fest am Malen mit Blut, weil er spürt, dass da etwas in ihm drin ist, was raus muss. Er veranstaltet selber eine erste Vernissage und beginnt, nach Startschwierigkeiten, nach und nach zu verkaufen. Nachdem er jetzt auch noch seine Ernährung umgestellt hat, ist er vollends mit sich im Reinen. Und das meint Stahlberger, unglaublich aber wahr, nicht einmal ironisch. Oder? Jedenfalls lautet das Fazit des Songs: Das Leben hat endlich wieder Einzug gehalten bei Lüthis, seit sie gemerkt haben, ihre Wände sind zu kahl.

Im gähnenden Nichts endet der Refrain eines Songs, der an eine einst wilde Band aus den 1990ern erinnert. Der Liedermacher denkt schon lange nicht mehr an seine einstigen Beinahe-Idole, als er den Drummer unverhofft beim Rasenmähen sieht. – Aber, auf You Toube kommt nix, gibt man ihren einstigen Hit ein und den Bandnamen „Haslifüx“.

„Schwierig, schwierig“ wird es, wenn man sich als öffentliche Figur nicht mehr getraut, das öffentliche Klo zu verlassen, weil da draussen ein paar Leute despektierlich über einen sprechen. Bestimmt würden sie einen erkennen, träte man jetzt ins Freie. Aber sie verziehen sich nicht, denn einer von ihnen muss leider dick, hebelt an der Türklinge rum und möchte gerne endlich rein. Wie kommt man da nur raus? Das Hirn beginnt in Eigenregie diverse Fluchtmöglichkeiten durchzuspielen. Schwierig, schwierig. – Durch den „Kristalltunnel“ zurück geht es hingegen gleich im ersten Song der CD. Am Ende der „Bergwanderung“, die von Stahlberger als Lebensmetapher besungen wird, nachdem man den Gipfel- im besten Falle – erreicht hat.

Ebenfalls haften bleibt der Titel „Familiefehri in Schwede“ (Familienferien in Schweden). Zum letzten Mal „mitnand“ (miteinander). „Familifehri in Schweden. Oder in Finnland“. Das Drama – ohne Happy End – nimmt seinen Lauf, als man sich auf der Fahrt ins Astrid Lindgren-Haus im Birkenwald verfahren hat und irgendwo in den Beeren landet. Die mit wenigen klaren Strichen gezeichnete Familienidylle auf dem Zenit ihres Schiffbruchs darf mit Fug und Recht „literarisch“ genannt werden. Der Text tröstet zwar nicht über Markus Werners Tod hinweg. Denn wer will den unlängst verstorbenen stillen genialen Erben Max Frischs schon ersetzen?

Und doch will einem nach Stahlbergers“ Familienferien in Schweden“ das trotzig beglückende Gefühl nicht mehr loslassen, dass es in der Schweiz mit Sprache vom Feinsten eben doch immer irgendwie weitergeht.

 

ManuelStahlberger Foto

 

www.stahlberger.ch

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