Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das adriAkustik Festival 2016 – Ein persönlicher Rückblick

adriakustik 2016von Bernd Pakosch

Bei schönem Wetter, wesentlich entspannter und nicht so zeitig wie im letzten Jahr, kam ich am Donnerstag auf dem Grillplatz in Deutzen (zwischen Leipzig und Borna gelegen) an. Meine Gitarre und die Ukulele, welche mir im vergangenen Jahr sehr lieb geworden war und mit der ich all meine neuen Lieder schrieb oder Fremdtexte vertonte, hatte ich im Auto gelassen und würde sie später holen wenn der Ablauf klar wäre. Ich war dennoch zu zeitig.

Ich drehte einige Runden durch das Gelände des Kulturparks Deutzen.

Zäune aus Korbgeflecht, Tische, Bänke und auch der Unterstand (Tresen) aus Rohholz, im Park aus dem Material der Natur entstanden. In den Bäumen: Vögel, Schlangen und Drachen – alles aus Korbgeflecht oder auch Weidenkunst genannt. Festivalteilnehmer und Besucher bauten ihre Zelte auf, waren mit Bierkästen und anderen Lebensmitteln unterwegs und richteten sich für ein langes musikalisches Wochenende ein. Als ich nach einiger Zeit auf den Grillplatz, der das Herzstück des Parks darstellt und wo fast alle Konzerte stattfinden zurückkam, traf ich Christian, mit seiner Gitarre auf einer Bank im Schatten sitzend. Christian Rusch, ein Liedermacher aus Riesa, den ich aus dem Mühlkeller in Leipzig, wo jeden Monat einmal eine „offene Bühne“ stattfindet, kannte, war zum ersten Mal in Deutzen. Ich konnte ihm einiges erzählen und von den Veränderungen berichten, die es im Vergleich zum Vorjahr gab. Gaby Kretzschmar vom Verpflegungsstand war noch nicht da. Wir hatten das ganze vergangene Jahr den Kontakt über Facebook gehalten. Die vielen Gesichter, die ich kannte und die mich wieder erkannten, gaben mir das Gefühl, nach längerer Pause in eine Familie zurückgekehrt zu sein.

An einem Stand, links von der Bühne, wo es CDs, T-shirts und andere Fanartikel und Süßigkeiten zu kaufen gab, lagen Listen aus. In diesem Jahr wurde die Teilnehmerzahl für die „offene Bühne“ begrenzt und wer sich nicht rechtzeitig angemeldet hatte, konnte nicht auftreten. Für jeden Abend wurden diese Listen neu erstellt und jeder der auftreten wollte und auf der Anmeldeliste stand, konnte sich eintragen lassen. Dann wurden den Namen Nummern zugeordnet, ausgelost und somit stand die Reihenfolge für den jeweiligen Abend fest. Doch eh es zur „offenen Bühne“ ging, gab es jeden Abend Konzerte von Liedermachern, die schon bekannter und erfolgreicher unterwegs sind. DT9A5477Auch eine Neuerung. Im vergangenen Jahr gab es diese Konzerte nur am Sonntag.  Cynthia Nickschas, die im Freundeskreis von Konstantin Wecker zusammen mit anderen Liedermachern unterwegs ist und auf Konstantins letzter CD mitwirkte (die Glückliche) eröffnete am Donnerstag Abend 20:15 das Festival. Eine kleine Frau mit viel Kraft und Trotz in ihrer Stimme, zusammen mit einer gut eingespielten Band. Cynthia spielt auf ihrer Gitarre, behauptet den Platz vorm Mikrophon und behält immer den Hut auf, ganz gleich wie stark und meisterlich ihre Bandmusikanten sie auf ihren Instrumenten begleiten. Die Messlatte war mit diesem Konzert schon sehr hoch gehängt. Nicht nur musikalisch, auch textlich weiß Frau Nickschas viel zu berichten und bezieht Stellung gegen Krieg und größenwahnsinniges Kapital.

Nach Götz Widmann, ohne den es dieses Festival nicht geben würde und der einigen Liedermachern durch seine Plattform und das eigene Lable „Ahuga“ den Sprung in die freiberufliche Liedermacherei ermöglicht hat und der als Einzelkämpfer mit Gitarre, Wut im Bauch und Whisky in der Stimme wie ein Fels in der Brandung daherkommt, begann dann die „offene Bühne“.

Inzwischen war die Reihenfolge ausgelost und die Namen, für alle sichtbar, auf ein großes Blatt Papier geschrieben und an die Holzwand am Merchandising Stand gepinnt. Ich war die Nummer „3“ am ersten Abend. Es wurde noch eine Position „0“ hinzugefügt und so war ich also an vierter Stelle. Aber bei knapp 40 Teilnehmern war das ein guter Start. Die Nacht wurde lang und Christian erzählte mir dann am anderen Tag, dass er so gegen 2:00 an der Reihe war. Da lag ich schon zufrieden mit mir und dem Tag in meinem Bett in Leipzig.

Zelten und Camping war nie mein Ding und ich gehe auch gern zeitig in ein richtiges Bett. Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Treffen mit meiner Tochter Sarah, guten Gesprächen und weiteren Kaffees – Milchkaffee für mich und mit Sojamilch für Sarah – und noch zwei Schokoriegeln aus dem nahe gelegenen BioMare, machte ich mich dann auf den Weg für meinen zweiten Tag in Deutzen.

So gegen 17:00 kam ich auf dem Gelände an und hörte Musik aus dem Hängemattenhotel. Mir war nicht ganz klar gewesen, ob es auch stattfinden würde und hatte das für mich nicht eingeplant. Zumindest nicht für diesen Tag.

Christian baumelte in einer Hängematte und erzählte mir, dass er schon aufgetreten sei. Diese kleinere Form der „offenen Bühne“ läuft etwas nebenher und weniger organisiert. Aber das Publikum liegt, baumelt, ruht aus und ist wohlwollend allem gegenüber, was da kommt. Und so wechseln sich Musikrichtungen, Themen und auch Qualitäten ab und es wird nie langweilig. Aber mein Plan für den Tag waren die Vorkonzerte und natürlich die „offene Bühne“ am Abend auf dem Grillplatz.

Iwan spielt akustisch vorwiegend deutsches Liedgut, so nennt sich der erste Kandidat für die Vorkonzerte am Freitag. Ich konnte Iwan schon im Vorjahr erleben, hatte mir in der Zwischenzeit auch Videos auf Youtube angesehen und kam für mich zu dem Schluss: er ist ein liebenswerter Chaot. Er bedient sich sehr gern einer gewissen Fäkalsprache, erzählt in seinen Liedern von verkackten und verfickten Situationen und hat offensichtlich viel Spaß dabei. In einem Gespräch erzählte er mir über seinen Auftritt bei einem Songfestival in Kroatien und seinem Wunsch, ein Punkliedermacher zu sein. Er hatte für sein Eröffnungskonzert – er war sehr freudig erregt darüber, die Möglichkeit dafür bekommen zu haben – einen jungen E-Gitarristen an seiner Seite. Ein hübscher kleiner Mann mit Schiefermütze und Brille, der in der Lage war über jede Art von Musik zu improvisieren – wie mir schien.

Nach Iwan spielten noch ernstgemeint, die ich auch schon im Vorjahr erleben durfte und Romano Licker. Ein DT9A6032junger, flippiger Mann, von dem ich mir im Vorfeld auch schon Videos angesehen hatte und dadurch auch einiges erwartete. Aber Erwartungen können auch schnell enttäuscht werden und so erging es mir auch mit Romano. Sehr intelligent, witzig und unangepasst aber in der Art wie er seine Lieder aufführte wirkte es auf mich wie überinszeniert. Ich kenne ihn nicht und habe auch nicht mit ihm gesprochen und vielleicht tue ich ihm unrecht, aber dieser Bericht spiegelt nur mein Empfinden wider und erhebt nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Licker wurde öfter an diesem Wochenende von anderen Liedermachern als Freund, Kollege oder Unterstützung mit auf die Bühne gebeten, was er auch immer und mit viel Spaß verbunden tat.

 

Ich kenne noch nicht so viele Liedermacher oder habe richtiger noch nicht so viele Freunde, oder es fehlen einfach die gemeinsamen Tüten, die ich nicht rauche oder die gemeinsamen Biere, die ich nicht trinke, aber ich wünsche sie mir sehr: Freunde, die mit mir gemeinsam auf eine Bühne gehen oder sich einfach rufen lassen und dann auch noch kommen. Ich glaube daran, dass sich auch das erfüllen wird, wenn es so sein soll. Aber vielleicht wird auch mein Weg ein ganz anderer sein. Wer weiß?

An diesem Abend gab es noch mehr Meldungen für die „offene Bühne“, als am Vorabend und die Liste schien endlos. Diesmal begann sie mit „-2“. Warum auch immer. Ich war die Nummer „11“, also als vierzehnter an der Reihe. Eine gute Position – nicht so spät, aber vor mir war Rüdiger Bierhorst auf der Bühne und das ist schon hart.

Ich kenne nur das Live Album von Panne/Bierhorst, aber das enthält tolle Songs mit witzigen gut überlegten Texten und einer Überzeugungskraft, von der man nur träumen kann. Auch mein Lieblingslied „Nicht alle Macht den Haien“ ist auf diesem Album zu finden. Und genau dieses Lied singt er und der ganze Grillplatz singt mit: „… und ich bleibe heiter … , denn das Leben geht weiter, wenn auch nur im Allgemein“. Ich mag dieses Lied sehr. Dann macht Bierhorst noch eine Zugabe und dann darf ich. Ja, was solls. Ich hatte mir für den zweiten Abend zwei von mir vertonte Gedichte von Lessing vorgenommen und dabei blieb ich dann auch. „Alter tanze“ und „Ein trunkener Dichter“ beide zur Ukulele und ich fühlte mich sicher und gut damit. Mir wurde auch während der vielen Auftritte immer klarer, dass wir alle eigenwillige Persönlichkeiten mit den unterschiedlichsten Wurzeln und Auffassungen sind, die sich zwar gemeinsam auf einem Festival treffen und doch so unterschiedlich sind, wie es nur möglich sein kann. Ich holte mir an diesem Abend auch einen vegetarischen Burger bei Gaby, die ich inzwischen auch persönlich mit Umarmung begrüßen konnte. Auch sie ist für mich, wie Ingo Koch vom Kaffeestand, ein wichtiger Teil dieser großen Familie.

Für Samstag packte ich neben meiner Ukulele auch meine Gitarre mit ins Auto und bereitete mich auf einen Auftritt im Hängemattenhotel vor. Dafür hatte ich drei Lieder aus Schuberts Winterreise ausgesucht, die ich mir für Gitarre umgeschrieben und zu eigen gemacht hatte. Für mich waren die Texte von Wilhelm Müller, welche die Grundlage für Franz Schuberts Liederzyklus bilden, die Geschichte zwischen den Zeilen, schon immer wichtiger als die wirklich tollen und volksliedhaften Vertonungen von Schubert. Aber weder bin ich ein klassischer Sänger noch ein virtuoser Gitarrist und so erfand ich meine eigenen Versionen dieser großartigen Lieder. Ich hatte mich auch für die Liedermacher Liga gemeldet und 8 Teilnehmer stellten ihre neuen Lieder zum vorgegebenen Thema „Herzscheiße“ vor. Ich war an siebter Stelle. Zu jedem Lied gab der Liedermacherniedermacher Walter seinen Kommentar ab. Er schien mir in diesem Jahr – ich hab ja nur den Vergleich zum Vorjahr – etwas müde und ungiftig, aber vielleicht ist es ja nur das Alter, welches jeder von uns mal mehr, mal weniger spürt. Altern ist nichts für Feiglinge. Was macht man mit so einem Thema als Vorgabe? Herzscheiße! Ich hörte die seltsamsten Geschichten und Lieder, bis ich an der Reihe war. Ich sah für mich keine andere Möglichkeit, als ein Lied über die Liebe zu schreiben. Nicht käuflich, nicht berechenbar, nicht bestechlich, nicht zu erwarten, nicht zu befehlen. Es ist Liebe und alles andere, als Herzscheiße! Als ich mein Lied gesungen hatte, sagte Walter, er habe Tränen in den Augen – vor Rührung und vor Entsetzen! Wie kann ein erwachsener, gestandener Mann, wie ich – fragte er mich – zu so einem Scheißthema sich so ernsthafte Gedanken machen und dieses Lied schreiben? Ich verließ die Bühne und dachte bei mir: das bin halt ich.

Für die Vorkonzerte am Samstag waren der Jerg, Simon & Jan und FALK angekündigt. Simon & Jan sind ja in der Zwischenzeit sehr bekannt geworden. Ich hatte sie schon letztes Jahr in Erfurt erleben können. Sie treten oft im Fernsehen bei Kultur-oder Comedysendungen auf. Es gab nicht viel neues zu hören und sie hatten auch Fremdmaterial von „Deichkind“ im Reporterire, was mich erstaunte, aber sie bestachen wie immer mit ihrer Abgestimmtheit und Perfektion. Zwei Musiker, dieDT9A6800 sicher viel arbeiten und üben um dieses Niveau zu halten. FALK ist so etwas, wie der Liebling aller Schwiegermütter oder auch Everybodys Darling. Ein smarter junger Mann, der mit seiner lockeren Art und witzigen Texten besticht. Martin Veit, der gute Geist dieses Festivals, ohne den die Organisation nicht funktionieren würde, sagte zu mir, dass er hofft, ich bekäme mal eine spätere Startnummer bei der „offenen Bühne“ um an den Abenden mehr mitzuerleben.

An diesem Abend lernte ich auch eine Gruppe junger Menschen aus Bremen kennen, die zusammen mit Grillmaster Flash nach Deutzen gekommen waren. Seine Freundin Anna und noch 3 junge Männer. Grillmaster Flash ein junger Wilder, der sich als Zuspätgeborener danach sehnt Rock’n’Roller zu sein und der auf der Bühne vor lauter Energie zu explodieren scheint. Einer der jungen Männer fragte mich: „Treten Sie heute Abend auch noch auf?“ Ich konnte es nicht glauben. Ich wurde gesiezt! Und da war sie wieder die eigene Wahrnehmung, die so gar nicht nach dem Alter fragt.

Auch am letzten Abend mit „offener Bühne“ hatte ich die Startnummer „3“ – Glück oder eine schützende Hand? Aber auch sonst fühlte ich mich schon ziemlich reizüberflutet und gesättigt von Musik und Gesprächen. Als ich mit meinen letzten beiden Liedern für dieses Festival und mit meiner Ukulele auf der Bühne stand, saßen Simon & Jan als Publikum in der ersten Reihe. Leichte Verunsicherung machte sich in mir breit. Ich begann mit einem neuen Lied „Meine Freundin, die Angst“ und als sich die beiden im Publikum anschauten und lachten, bezog ich das dummer Weise auf mich und hatte auf Grund dessen einen Texthänger. Ich weiß, im Publikum wird so etwas kaum wahrgenommen, aber für mich auf der Bühne fühlte es sich an wie ein Weltuntergang. Aber so leicht geht die Welt nicht unter. Ich verabschiedete mich mit einem Lied nach einem Gedicht von Lene Voigt und Walter der Liedermacherniedermacher sagte: „Zu Bernd Pakosch sage ich jetzt nichts mehr“. Was sollte er auch sagen?

Alles, was uns im Leben begegnet, jede Geschichte und jedes Lied verändert uns und bildet die Grundlage für den Weg, welchen wir weiter gehen. So bin ich dankbar und voller Gefühle nach Leipzig gefahren und habe mich ins Bett gelegt. Der Fernseher half mir noch etwas runter zu kommen und endlich einschlafen zu können. Am Sonntag überlegte ich ernsthaft, ob ich gleich nach Hause nach Meißen fahre oder doch noch einmal zu den Abschlusskonzerten nach Deutzen. Ich wolllte aber Grillmaster Flash, der die Gelegenheit bekommen hatte am Sonntag ein kleines Konzert zu geben, noch einmal erleben. Auch um zu sehen wie ausdauernd seine Energie ist, entschied ich mich dann doch noch einmal für Deutzen. Kalter Kaffee hatte ich leider verpasst, aber die beiden netten Jungs kenne ich auch schon vom letzten Jahr und die sind wirklich gut. Ich habe mir nicht alle Konzerte angesehen. Grillmaster Flash zerfetzte vor lauter Energie eine Gitarrensaite und bekam prompt eine Ersatzgitarre gereicht und auch sonst wurden die Konzerte lockerer und fröhlicher. Freunde, Kollegen und Mitspieler riefen sich gegenseitig auf die und und unterstützten sich auf der Bühne und das Wetter spielte fast immer mit. Als ich nach Hause fuhr ,verließ ich eine glückliche Familie von der ich mich herzlich auch bei einigen Mitgliedern verabschiedete. Ich denke schon, dass sich auch im kommenden Jahr ein Besuch lohnt.

www.adriakustik.de/adriakustik.de/festival

Fotos: (co) Fabia Widmann

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