Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Nadine Maria Schmidt – Ich bin der Regen

ichbinderregen

von Bernd Pakosch

Gleich vorweg: das dritte Album von Nadine Maria Schmidt & frühmorgens am Meer ist keine leichte Kost. Diese CD sollte man nicht versuchen nebenbei oder gar im Auto zu hören, denn sie verlangt die ganze Aufmerksamkeit. Sie möchte wie ein Buch gelesen werden. Und wie bei einem guten Buch wollen einige Stellen öfter und langsamer gelesen werden; oder um wieder auf die CD zurück zu kommen: ich musste diese Aufnahmen immer und immer wieder hören um die Glanzlichter dieses Werkes zu entdecken. Auf diesem Album verwendet Nadine Maria Schmidt ausschließlich Fremdtexte und greift dabei tief in die Kiste der Klassiker von Mörike über Eichendorff bis Rilke. Doch das erste Lied entstand nach einem Text von Selma Meerbaum-Eisinger, eine junge Frau, die nur achtzehn Jahre alt war, als sie im Arbeitslager Michailowka entkräftet an Fleckfieber starb. Ich bin der Regen erzählt von Sehnsucht, Trauer und Einsamkeit. Ein Regen aus Mädchentränen, aufgereiht auf dünnen Schnüren, grauer noch als Spinngeweb. Dieser Text verlangt nach tiefen und ehrlichen Gefühlen; und Nadine Maria Schmidt erzählt ihn mit ihrer rauchigen Stimme, als ginge sie selbst durch diese bangen Träume der Selma Meerbaum-Eisinger. Für dieses Projekt „Lieder nach Gedichten“, wie die CD im Untertext auch heißt, wurden viele Freunde und Kollegen zusammen gerufen und so entstand eine Band in Großbesetzung die mit Streicher-und Bläsersätzen ausgefeilte Arrangements zaubert, die sich in der heutigen Liedermacherszene nicht so leicht finden lassen. Im Original hat das Gedicht Denk es, o Seele! von Eduard Mörike nur zwei Strophen. Es geht um die Vergänglichkeit schon im Anfang. Es geht um das Werden und Vergehen. Mörike erzählt es in allgemeinen Bildern: ein Tännlein, irgendwo, ein unbestimmter Rosenstrauch – aber beide könnten dereinst als Kranz und Gesteck auf deinem Grab liegen. Der Zeitpunkt ist ungewiss. Wie auch unser Leben und Glück ungewiss sind und niemand den Zeitpunkt seines Todes kennt. Nadine Maria Schmidt hat hier noch zwei Strophen hinzugefügt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sie dem Text und somit dem Lied eine besondere Bedeutung beimisst. In der dritten Strophe tragen zwei schwarze Totengräber mit weißen Gesichtern ihre Leiche, womit im Gegensatz zu Mörike, ihr persönlicher Tod ins Blickfeld rückt. In der vierten Strophe gar wechselt die Erzählform ins Wir – und zwei schwarze Pferde tragen unsere Leiche. Also: unsere gemeinsame Leiche? Es könnte sich hierbei um ein gemeinsames Kind, eine gemeinsame Hoffnung oder um die Liebe handeln. Auch musikalisch zählt für mich dieses Lied mit zum Besten des Albums. Es tanzt beschwingt im sechs-achtel Takt durch die Geschichte und lässt Bläsersätze wie die apokalyptischen Reiter über die Landschaft fegen.

Vorfrühling nach einem Text von Hedwig Lachmann, wird hier – wie das Gedicht schon – zu einer Momentaufnahme, einem Augenblick. Leicht mit  gezupfter Gitarre und spazierenden Fingern über eine Klaviertastatur –   gemächlich von einer Posaune unterstützt – entsteht diese melancholische Stimmung und ich lass mich gern von ihr frühlingswärts mitnehmen. „Und das Wirren bunt und bunter wird ein magisch wilder Fluß“ Aus zwei Gedichten von Joseph von Eichendorff „Frische Fahrt“ und „Zwielicht“ wird mein Lieblingslied dieser Produktion Frische Fahrt. Oder sollte man es lieber einen musikalischen Ritt nennen? Lebensfreude pur. Ausgefeilte Satzgesänge, Bläserarrangements, Sreicher – kraftvoll und ergreifend. Es beschreibt die Stimmung eines Menschen, der leben will und sich nicht schont, und um seine Vergänglichkeit weiß. Leben im Jetzt und Hier. Da alles im Leben auch eine Schattenseite hat, hier für mich der einzige Schönheitsfehler an dieser Aufnahme. Mir gefällt der männliche Gesangspart nicht und ich sehe auch keine Notwendigkeit, warum diese Stelle von einem Mann gesungen werden sollte. Es ist hier nur meine Meinung und nicht meine CD und man kann nicht alles verstehen wollen, oder? Das Karussell ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, welches 1906 im Jardin du Luxembourg in Paris entstand, erzählt von einem Kinderkarussell mit einem roten Löwen, einem Hirsch und Pferden und dann und wann ein weißer Elefant. Es scheint als ob Rilke, als er dieses Gedicht schrieb, weit zurück in seiner Kindheit versank und diese Erinnerungen nicht loslassen wollte. Alles dreht sich. Ganz langsam und weich nimmt uns das Cello mit in die ferne Vergangenheit voller Schwermut und Melancholie. Nadine Maria Schmidt ändert nichts an Rilkes Gedichten und stellt ihre musikalischen Ideen in den Dienst des Dichters. So auch bei Der Panter, in Paris, im Jardin des Plantes 1902 entstanden, das zweite Rilke-Gedicht auf diesem Album. Das eingesperrte Tier oder der verängstigte, in gesellschaftliche und moralische Zwänge, eingesperrte Mensch. Gitterstäbe und eine Welt die nicht ist wie sie scheint. Nur Erinnerungen, tief in der Seele begraben und ruhiggestellt. Zu diesem Lied gibt es ein wundervolles Video, welches diese Bilder sehr gut umsetzt und unbedingt sehenswert ist. Auch musikalisch ist hier wieder das warme Cello und ein gespenstisches Akkordeon hervorzuheben, die den Gesang perfekt unterstützen. Ich erwähnte schon am Anfang, dass dieses Werk keine leichte Kost ist und dem Hörer einiges abverlangt wird. Und obwohl ich ein aktiver Zuhörer bin, denke ich dass hier weniger mehr gewesen wäre. Darum werde ich nicht auf jedes einzelne Lied eingehen und nur meine Glanzlichter beschreiben. Nach vielen Grautönen und Tod, erzählt in Texten von Else Lasker-Schüler und Jochen Arlt komme ich jetzt zum Winter nach einem Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff. Und gerade der Winter bringt für mich wieder Farbe und Hoffnung auf diese CD. Der Winter, der wie ein Leichentuch über der Landschaft liegt und doch dem Föhn nicht widerstehen kann und den Tauwind nicht daran hindern seine Arbeit zu tun. Es wird langsam Frühling. Durch Streichersatz und mehrstimmigen Gesang blüht dieser Frühling  spürbar auf und versprüht neue Kraft. Der Bonustitel Aluna ist das erste Lied welches ich von Nadine Maria Schmidt gehört habe und es bildet hier den Abschluss. Nach so vielen Fremdtexten der eigene Text zu einem Thema, welches sehr unterschiedlich diskutiert und uns noch lange bewegen wird.

Es geht um Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen müssen, wo Kriege geführt werden und Hunger und Elend regieren. Kriege, die nur der Rüstungsindustrie und den Großmächten etwas nützen und die von diesen angezettelt werden. Nadin Maria Schmidt hat auch keine Lösung parat, aber sie baut mit ihrem Text bewegende Bilder und beschreibt jene, die es immer am ärgsten trifft: Kinder.

Und den hirnlosen Sprüchen der rechten Massenchöre von deutscher Leitkultur und Nationalstolz, steht ein leiser aber treffender Satz gegenüber: „doch der Himmel, der nähme alle auf.“ Und so kann sich jeder fragen, ob es das ist, was wir Menschen wirklich wollen und was uns als Menschen ausmacht.

www.nadinemariaschmidt.de

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