Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Erlebnisbericht vom ersten Liederfestival „Lieder mat(s)ch“ in Prenzlau

b-pakosch

von Bernd Pakosch

Ich hatte irgendwann, so etwa im April diesen Jahres, bei Facebook vom ersten Liederfestival „Lieder mat(s)ch“ gelesen. Da ich mich im vergangenem Jahr  dazu entschieden hatte, als freiberuflicher Musiker zu überleben, bin ich natürlich ständig auf der Suche nach Podien und Möglichkeiten um meine Lieder vorstellen zu können. Ich rief also bei Joachim Pahl in Prenzlau an und fragte ihn nach den Bedingungen und ob es eine Altersbegrenzung gäbe. Nein, gäbe es nicht, sagte er, aber Prenzlau sei schon eine Ecke von Meißen entfernt und ob ich das wirklich wolle. Ja schon, sagte ich, will ich; und so meldete ich mich an und trug mir den Termin in meinen Kalender ein.

Dann hörte ich erst einmal eine Zeit lang nichts aus Prenzlau. Anfang August bekam ich dann eine Mail von Joachim und er bot mir an, am Samstag mit einer halben Stunde Konzert, der Beginner des  zweiten Tages das Festivals zu sein. Schön! Also stellte ich mich auf eine halbe Stunde ein und besorgte mir eine Übernachtung in Prenzlau von Samstag zu Sonntag. Am Freitag sollten die regionalen Liedermacher starten und am Samstag dann die mit dem etwas längeren Anfahrtsweg. Ich war am Freitag nicht dabei und darum hier, der Vollständigkeit wegen, die Namen der Teilnehmer vom Freitag.

Die Taeter; Eckhard Gohlke; Uta Schiebel; Andreas Huhn & Jürgen Hein; Dirk Werner und Juliane Schilling, die vom Publikum via Beifall zur Siegerin des Abends gekürt wurde und somit auch am Samstag auftreten durfte.

Joachim schrieb mir in der letzten und etwas ausführlicheren Mail, dass es am Samstag schon 15:00 los geht. So kam ich gegen 14:00 in der Fünf Sterne Cantine in Prenzlau an. Ich war der Erste. Eine etwas verlassen wirkende Umgebung am Rande von Prenzlau. Ich befinde mich in der Uckermark und muss unweigerlich an Fuchs & Hase denken. Nachdem ich mein Auto abgestellt und mich mit Gitarre und Ukulele in den Händen in Bewegung setze, öffnet mir ein junger Mann – wie sich später herausstellt, Techniker und Sohn von Joachim – die Tür und lässt mich ein. Es wäre noch viel Zeit und ich solle erst einmal in Ruhe ankommen. Ruhe vor einem Auftritt? Eine nicht so leichte Aufgabe für mich.

Das Erste, was mir entgegenschlägt, ist ein Geruch, der mich Jahre zurück versetzt. Es riecht wie in einer Betriebs- oder Schulküche. Die DDR steht vor meinen Augen wieder auf. Ein großer Saal, Tische, Stühle und das große Fenster für die Essensausgabe ist auch vorhanden. Dann begrüßt mich Joachim, der sich zu diesem Zeitpunkt noch Sorgen macht, weil sonst noch niemand da ist. Er zeigt mir den Backstagebereich und bittet mich, mich auszubreiten und wohlzufühlen. Na dann.

Als nächster kreuzt Andi Schwarz mit seinem Chauffeur auf, ein Typ, der mich an Country und Westernmusik denken lässt. Er ist locker drauf und es stellt sich heraus, dass wir uns schon in Deutzen auf dem adriAkustik über den Weg gelaufen sind. Die Welt ist klein. Die Zeit vergeht und 17:00 sind immer noch nicht alle Teilnehmer da, die sich angemeldet hatten. Von Publikum auch noch keine Spur. In kleiner Runde – inzwischen war auch „Frink“ (Frank Romeike/Herbert Streckmann) aus Münster eingetroffen –  beschließen wir dann, uns hier so gegen 18:30 wieder zu treffen, um zu entscheiden, wie der weitere Abend verlaufen soll.

Ich fahre erst einmal tanken und kurz zurück zu meiner Übernachtung. Als ich gegen 18:30 zurück bin, sind auch „Flonske“ und „Mädchen aus Glas“ aus Berlin eingetroffen. Etwas Publikum hat sich eingefunden und der Fahrplan für den Abend steht. Die Gewinnerin des Vorabends wird beginnen und ich bin dann so gegen 19:30 an der Reihe. Dann Andi Schwarz, „Junesmeetsother“, „Frink“, „Mädchen aus Glas“ und „Flonske“. Die Entscheidung für diesen Abend übernahm eine Jury aus sechs unabhängigen Musikern und einer Lyrikerin. Es war sicher keine leichte Aufgabe eine Platzierung vorzunehmen und obwohl auch ein Preisgeld damit verbunden war und bei Künstlern meist Ebbe im Portmonee herrscht, stand hier der Spaß, die Neugier und das Erlebnis andersartige Kollegen kennen zu lernen, an erster Stelle.

Nach der Preisvergabe – 1.Flonske, 2. Ich, 3. Frink / Mädchen aus Glas – dann der Höhepunkt des Abends. Als „Stargast“ wurde Dota eingeladen, die dann mit Band gegen 22:30 zum Konzert spielte.

dota-1

Ich erinnere mich an Dota Kehr und die Stadtpiraten und an die Kleingeldprinzessin. Auf ihrer aktuellen Produktion „Keine Gefahr“, die sie auch bei diesem Konzert vorstellt, nennt sie sich schlicht weg DOTA. Hochschwanger, in Stiefeln und enganliegendem schwarzen Kleid besteigt sie das Podest, legt sich die Gitarre um und bestimmt vom ersten Ton an auf der Bühne das Geschehen. Sie besticht durch intelligente Texte, ausgefeilte Arrangements und selbstbewusste Bühnenpräsenz. Aber sie kann auch ganz allein, was sie in zwei Liedern nur zur Gitarre gesungen beweist. Sie erzählt schräge Geschichten, die so ungewöhnlich sind, dass sie in der Realität durchaus bestehen können und lässt keinen Augenblick ihre politische Einstellung und Grundüberzeugung in Vergessenheit geraten. Ich bin sehr froh, dieses Konzert im nun doch schon gefüllten Saal miterleben zu dürfen. Ich kenne kein Lied aus der Liedermacherszene, welches die heutige Zeit und unsere Probleme mit der Gesellschaft und den Konzepten, wie wir besser miteinander und in Frieden leben könnten, ergreifender und genauer beschreibt, als „Es gibt Grenzen“ von Dota Kehr. Danke.

Ich hoffe, dass Joachim Pahl nicht so schnell der Atem ausgehen möge und dass dieses Festival als feste Größe in der deutschsprachigen Liedermacher-und Chanson-Kultur einen Platz einnehmen kann. Und sollte ich im kommenden Jahr wieder eingeladen werden, dann fahre ich gern in die Uckermark. Nicht nur wegen der Gerüche aus DDR-Zeiten.

dota-und-joachim

Dota Kehr und Joachim Pahl

2 Kommentare zu “Erlebnisbericht vom ersten Liederfestival „Lieder mat(s)ch“ in Prenzlau

  1. Joachim Pahl
    10. Oktober 2016

    Hallo Bernd,
    Deinen Erlebnisbericht finde ich berührend. Vielen Dank !
    Am meisten habe ich mich aber gefreut über Deine Meinung zu „Es gibt Grenzen“.
    Du wirst es nicht glauben, aber – unter Zeugen- ich habe DOTA als Konzertblock
    deshalb dabei haben wollen.
    Und zwar mit diesen Worten:“ Ich kenne keinen Song in der Liedermacheszene, der die Probleme mit den großen und kleine Grenzen ergreifender und genauer beschreibt „!
    Natürlich machen wir weiter, schon deshalb !
    Bis zum – diesmal – späten September 2017 .

    Die herzlichsten Grüße aus der Uckermark, wo sich nicht nur Fuchs und Hase
    „Gute Nacht“ sagen.
    Joachim Pahl

    • tochtersohn
      10. Oktober 2016

      hallo joachim, danke für die lieben worte, für deine energie und dass es dich gibt, b.

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