Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Heiniger trifft: Matthias Binner

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„Die Augen schließen, ohne Angst, dass es das letzte Mal sein könnte – das wäre Freiheit.“

Matthias Binner, who?Drei erste Eindrücke eines Schweizers

Im Frühjahr 2008 war es, als Matthias Binner erstmals bei Christof Stählins Akademie für Poesie und Musik SAGO in Wasungen (Südthüringen) auftauchte. Als er sich, ganz der Gepflogenheit entsprechend, anschickte, sich musikalisch vorzustellen, setzte er sich etwas schüchtern mit den Worten ans Klavier: „Ich bin noch nicht so weit, ich hab halt einfach versucht, das eine und andere einigermassen hinzukriegen.“ Gleichzeitig wurde er, das war für alle klar ersichtlich, von den Tasten mehr angezogen, als dass er sich aktiv ans Instrument gesetzt hätte.“ Dass uns seine Sachen nicht zuletzt auch vom Klavierspiel her durchaus zusagten, freute den versierten Begleiter, der er damals schon war, sehr. Er wirkte erleichtert.

Ein halbes Jahr später, in Mainz, nach einem vergnüglichen Bowling-Abend, kam er auf mich zu und sagte mir ganz unvermittelt: „Ich weiss jetzt, wie du arbeitest, Markus. Ich habe dich den ganzen Abend lang beobachtet, wie du kontinuierlich und sehr gezielt deine Schritttechnik beim Anlauf verbessert und somit deine Treffsicherheit deutlich erhöht hast.“ Matthias Binner, der feine Beobachter, der immer wieder spannende, überraschende, ja konfrontativ entlarvende Gesprächspartner.

Als wir 2013 im Berliner Zebrano-Theater das CD-Release-Konzert „Die Versammlung der Inseln, SAGO singt Stählin“ spielten, welches ohne Matthias‘ Koordination wohl kaum je stattgefunden hätte, schaute ich in der Garderobe plötzlich in ein mir bekanntes Gesicht. Trotzdem stutzte ich. Denn der sportlich schlanke, fast filigran wirkende Mann wollte so gar nicht zum in meiner Erinnerung haftenden Bild meines eher etwas schwammig, pummeligen Kollegen passen. „Doch, doch, ich bin es“, lächelte er. Da hatte einer, über einen längeren Zeitraum, ebenfalls kontinuierlich und sehr gezielt an sich gearbeitet. Aber was mich mindestens ebenso faszinierte: Matthias Binner schien nun ganz in seinen Liedern angekommen.

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(Matthias Binner – Vorbeischneiten Freiheiten)

MH Hallo Matthias!

MB Hallo Markus!

MH Zur Klärung für die Leserschaft: Mit der EAL-Jury habe ich nichts zu tun. Auch ich habe gerade eben erst erfahren, dass dein neues Album „Vorbeischneiten Freiheiten“ CD des Monats wurde. Herzliche Gratulation!

MB Danke schön, ich freue mich sehr.

MH Hast du dir heute schon eine Freiheit genommen? Oder gar Freiheiten?

MB Uns sind ja gottlob so viele Freiheiten gegeben, dass ich eher damit beschäftigt war, welche auszuschlagen – mit wechselndem Erfolg.

MH Und konntest du eine der Freiheiten, die an dir heute bestimmt auch schon vorbeigeschneit sind, erkennen? Ich meine, zu vieles entgeht einem ja schlicht und ergreifend und bleibt unbemerkt.

MB Richtig. Bei mir hier in Berlin-Schöneberg machen jetzt überall Praxen für Aufmerksamkeitstraining auf – bin ich sehr dafür! Aufmerksamkeit z.B. dafür, wie privilegiert und frei wir im Deutschland des Jahres 2015 leben. Und auf wessen Kosten.

MH Vorbeischneiten Freiheiten (ungeahnter Art) ist ein Reihenlied. Die einzelnen Strophen führen jeweils direkt aufs Wortspiel des Album-Titels hin und umreissen bekannte Episoden aus der Geschichte, welche von den Protagonisten durchaus als Katastrophe erlebt worden sein dürften. Oder wie ist es wohl, wenn man, von einem Tag auf den anderen, bloss wegen eines angebissenen Apfels seine angestammte Heimat, das Paradies, verliert oder als Komponist sein Gehör? Die Katastrophe, das Unglück, das Scheitern als Chance. Inwiefern kennst du so etwas auch persönlich?

MB Massiv natürlich. Wer nicht? Wenn ich Fotos von den Wulffs, Röslers, Edathys oder Westerwelles sehe – abgemagert, penibel frisiert, exzessiv nassrasiert mit perfekt geknoteter, dezenter Designer-Krawatte unterm makellos weißen Kragen – denke ich immer zuerst: „Ihr kopiert meinen Style!“ Und dann: „Ich kenne deinen Schmerz, Bruder.“

MH Gibt es die Freiheit heute noch? Dein Titelsong endet skeptisch. Nicht wegen der Erkenntnis einiger Wissenschaftler, dass es so etwas wie den freien Willen eh nicht gibt. Du selber schliesst: „Die Antwort lautet 0 und 1. So entgleiten Freiheiten.“ Schnüren uns Elektronik und Kommunikationstechnologien tatsächlich die Luft ab? Was beobachtest du?

MB Dass immer weitere Teile unseres Lebens digitalisiert, virtualisiert und damit dem Zugriff der Wirklichkeit enthoben werden, empfinde ich in der Tat als bedrohlich. Und ich versuche, dazu so wenig wie möglich beizutragen.

MH Wie würdest du persönlich als Galileo Galilei einem Papst der weltumspannenden 0-und-1-Kirche entgegentreten?

MB Zum Galileo wird´s bei mir in diesem Leben nicht mehr reichen – aber einem Papst tritt man jederzeit stumm und um Demut bemüht entgegen.

Auf meiner Schreibtischunterlage steht gut sichtbar ein Thomas Mann-Zitat: „Nicht grübeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten, fertig werden.“

MH Deinen skeptischen Schlussworten im Titelsong entgleitet zuletzt die unsterbliche Melodie „Die Gedanken sind frei“. Das gefällt mir ausserordentlich gut. Und du selber hast dir ja nun auch die Freiheit genommen, ein eigenes Album aufzunehmen. Eines mit deinen eigenen Liedern und Gedanken. Was waren dabei die grössten Herausforderungen?

MB An konkreten Aufgaben dranzubleiben statt sich in Grundsatzfragen zu verlieren. Auf meiner Schreibtischunterlage steht gut sichtbar ein Thomas Mann-Zitat: „Nicht grübeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten, fertig werden.“ (Das ist aus „Schwere Stunde“).

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(Juliane Maria Wolff und M. Binner)

MH Eine CD zu machen, bedeutet ja nach wie vor einen langen Weg zu beschreiten. Was hast du unterwegs erlebt, genossen, entdeckt?

MB Gerne erinnere ich konkrete Meilensteine – z.B. als ich mit „Vorbeischneiten Freiheiten“ endlich einen Titel gefunden hatte, der als Überbau für das schon bestehende Material und zugleich als Richtschnur für das noch zu schreibende diente.
Oder als ich mit meinem Produzenten Ralph Graessler die ersten Probeaufnahmen gemacht habe und spürte, an der richtigen Adresse gelandet zu sein.

MH Wer hat dich bei der Arbeit moralisch unterstützt, wer in strukturellen Belangen?

MB Zuallererst muss ich Regisseur Patrick Stauf nennen, der mein Live-Programm betreut und mich unermüdlich formt, bildet, ermutigt, verbessert und inspiriert – weil ich ihn darum gebeten hatte und weil er es machen will. Nur aus diesen Gründen.
Dann: Oliver Blankenburg, dem ich die Fotos, das Artwork, meine Homepage und nicht aufzulistende digitale und menschliche Hilfestellungen verdanke.
Produzent Ralph Graessler habe ich schon erwähnt. Natürlich meine bezaubernde Duett-Partnerin Juliane Maria Wolff!
Die Unterstützung durch Christof Stählin, Martin Betz und die SAGO-Seminare, auch die Berliner Ableger-Runden bei Sebastian Krämer, ist natürlich gleichfalls unbezahlbar.

MH Was entsteht bei dir in der Regel zuerst, Text oder Musik? Die alte Frage finde ich wieder interessant, seit ich unlängst Herbert Grönemeyer in einem Radio-Interview live am Klavier gehört habe, als er demonstrierte, wie er auf seine jeweils zuerst entstehenden Kompositionen, mit Inbrunst, eine Art völlig geniales Nonsens-Englisch zu singen pflegt, bevor er deutsche Texte über die Musik schreibt.

MB Und zwar Texte wie: „Seh‘ immer dein Gesicht / Es sticht wie Messer die ganze Zeit“ (das ist aus Grönemeyers „Bist du taub?“)…
Ich schreibe gerade mit dem Regisseur Klaus Seiffert zusammen ein Musical („Der Raub der Mona Lisa“, das kommt im August in Berlin raus) und vertone dafür die Lied-Texte, die er mir vorlegt. Das macht enormen Spaß. Es war auch ein großes Fest, als Jürgen Ehle vor Jahren mal umgekehrt einen Text von mir vertont hat (für Scarlett O´s CD „Fast mit Neid“).
Das hat alles sein Für und Wider – wenn ich mit mir alleine schreibe, versuche ich aber, Text und Musik parallel zu entwickeln. Ich brauche einen kleinen Haken, an dem ich einen Song greifen und ans Tageslicht ziehen kann. (Noch mal Thomas Mann: „Aus dem Chaos, welches die Fülle ist, ans Licht emporheben, was fähig und reif ist, Form zu gewinnen“). Das kann eine kleine Melodie sein, eine Akkord-Sequenz oder eine Formulierung. Wenn drei kleine Haken – eine Formulierung, ein Melodiebogen, eine Akkord-Sequenz – ineinander greifen, ist ein Lied geboren und kann groß gezogen werden.
Und je länger Text, Melodie und Harmonisierung als offene, nicht festgelegte Systeme aufeinander reagieren können, umso besser. Glaube ich.

MH Es gibt ja Lieder, die einem selber ans Herz wachsen, weil sie in ihrer Entstehung überdurchschnittlich lange gedauert haben. Gibt es auf deinem Album eines, welches unter diese Kategorie fällt?

MB „LASS MICH NICHT ALLEIN“

Wenn man Udo Lindenbergs Trompeter schon mal vorm Mikro hat, wäre es fahrlässig, ihn nicht auch spielen zu lassen.

MH Spannend ist die Instrumentierung auf deinem Album. Eigentlich sind es ja Klavierlieder. In vielen Aufnahmen überraschst du aber mit unvermuteten, stets sehr stimmigen erweiterten Klangfarben. Im Liebeslied „Drei Schlösser zu Bacharach“ etwa sind es die Bläser, in „Fehlt noch der Wind“ die Melodica. „Geht gleich los“, den Eröffnungssong, gestaltest du als mehrstimmige A cappella-Nummer und setzt mit dem Klavier, gegen Ende des Liedes, einen einzigen Farbtupfer auf das Wort „Träumerei“, ein Schumann-Zitat aus seiner „Träumerei“. In „Die Ruinen Germanias“ fehlt das Klavier hingegen ganz. Der Sound ist geprägt von Bass und Gitarren. In einem meiner persönlichen Favoriten, „Heillos verliebt“, mischt sich kurz mal eine Hammond-Orgel ins Geschehen ein. Und gegen Ende der CD ist plötzlich eine hervorragende Frauenstimme mit von der Partie und übernimmt in „Zertanzte Füsse“ sogar allein: Juliane Maria Wolff. Entstehen die Instrumentierungen zusammen mit deinem Produzenten Ralph Graessler? Oder weisst du jeweils selber genau, wie alles klingen soll?

MB Ralph hatte mir eine sehr klare ästhetische Leitlinie vorgeschlagen: Konzertbesucher sollen zuhause das Gefühl haben, das Konzert ein zweites Mal zu erleben. Die Platte soll also klingen wie eine Live-Performance – nur besser!
Wir haben alle Titel erst einmal live im Studio mit Gesang und Klavier bzw. Gitarre aufgenommen. Meine Glockenspiel- und Melodica-Parts haben wir als Overdub aufgenommen; natürlich sind sie dadurch ein bisschen differenzierter ausgefallen, als wenn ich sie wie auf der Bühne noch mit dazu spiele.
Die Lieder, bei denen Juliane Maria Wolff zu hören ist, waren allesamt als Duette geplant, in den meisten Fällen auch ganz konkret für sie und ihre Stimme geschrieben. Sie ist auch live dabei, wann immer es geht.
Dass ihr Freund Jotham Bleiberg dann auch noch zum Flügelhorn griff, als er sie aus dem Studio abholte, war eine Idee von Ralph Graessler – wenn man Udo Lindenbergs Trompeter schon mal vorm Mikro hat, wäre es fahrlässig, ihn nicht auch spielen zu lassen. Ralph selbst hat dann netterweise auch noch mit dezenten Bass-Parts mein dilettantisches Gitarrenspiel kaschiert.

MH Deine Lieder sind keine Witze. Trotzdem enden sie nicht selten pointiert. In „Fehlt noch der Wind“, einem weiteren Reihenlied, verkehrst du das ungeduldig erwartete Aufkommen des Windes, welches du in verschiedenen Bildern aufbaust, in der letzten Strophe, in eine ungeheuerliche Bedrohung, die, um uns eine Gänsehaut einzujagen, zuletzt nicht einmal mehr des Wortlautes des Refrains bedarf. Welche Vorbilder hat der Liedermacher Matthias Binner beim Erschaffen solch feinen Handwerks?

MB Den prägenden Einfluss von Christof Stählin habe ich ja schon erwähnt. Aber an konkrete Vorbilder denke ich beim Schreiben nie – es sei denn bei offensichtlichen Hommagen wie „Drei Schlösser zu Bacharach“ oder „Die schönen Lieder aus dem Krieg“.
Seit ich denken kann, höre, genieße und analysiere ich Lieder in Deutsch und Englisch. Eigentlich vergeht kein Tag, wo ich nicht irgendetwas entdecke oder wiederentdecke und mich frage, warum ich das eigentlich gerade so saugut finde (oder auch nicht ganz so saugut: „Gesichter, die die ganze Zeit wie Messer stechen“ und so).
All das fließt – hoffentlich – in das ein, was ich selbst zu Papier bringe.

MH Beschäftigst du dich mit österreichischen Liedermachern? Dein sarkastischer Titel „Die schönen Lieder aus dem Krieg“ würde einem Ludwig Hirsch oder einem Georg Kreisler ja alle Ehre erweisen. So richtig scharfen Sarkasmus kann man fast nicht erlernen, finde ich. Hast du eine entsprechende Ader?

MB Leider ja – ich bemühe mich aber, diese Ader einzudämmen, wann immer es geht. Es ist ja nicht besonders schwer, einen Gesprächspartner mit zwei-drei sarkastischen Bemerkungen wie einen Deppen aussehen zu lassen – das sind aber Pyrrhus-Siege. Die damit geschlagenen Wunden zu kurieren, dauert viel länger.
Und um noch einmal Christof Stählin zu erwähnen: Sarkasmus, Ironie oder Zynismus, auch Humor ersetzen keine Inhalte – das sind Mittel. Ich persönlich vergleiche das gerne mit Erotik: Ich bin der erste, der sich freut, wenn von Menschen auf der Bühne eine erotische Ausstrahlung ausgeht – aber wenn das alles wäre, was auf der Bühne passiert, eine Erotik-Show also, fällt das für mich sofort in sich zusammen.
Ähnlich ist es, wenn auf der Bühne jemand unentwegt sarkastisch ist und meint, damit wäre er schon mit der Arbeit durch.

MH In diesem „Die schönen Lieder aus dem Krieg“ fährst du mit Kompakt-Reimen auf wie „kein Gejammer in der Kammer“ oder „kein Gewimmer im Zimmer“. Ist das aufgeschnappt oder erfunden? – Ich frage bloss, weil mir die Reime hier in Basel nicht geläufig waren und ich mich dabei, trotz üblen Zusammenhangs, köstlich amüsiert habe.

MB Das ist nicht aufgeschnappt und war zumindest mir auch nicht geläufig.

MH Du kannst aber auch ganz ernsthaft. In „Die Ruinen Germanias“ fragst du dich, was da unter dem Schnee des Teufelsbergs liegt, auf welchen kleine Gestalten in ihren bunten Anoraks ihre Schlitten hochziehen. Da ist er wieder, der Schnee des Album-Titels. Nur, dass er sich inzwischen gelegt hat und die Freiheit Schlitten fährt darauf; über einer dunklen Vergangenheit, zu einem sehr eingängigen Refrain. Kommt dieser eigentlich mit Absicht so schön daher, weil du ja weisst, dass „nichts die Schönheit schlägt“?

MB Marco Tschirpke hat die Musik sehr kritisiert, Sebastian Krämer schlug vor, sie mit Wagner-Motiven zu brechen – beides verstehe ich. Mein Gedanke war und ist aber: Die Trümmer einer zerstörten, geteilten, vernichteten Stadt zu einem Rodelberg für die folgenden Generationen aufzuschichten, ist vielleicht das Schönste, was man mit Trümmern einer zerstörten, geteilten, vernichteten Stadt so machen kann.
Und ich würde ohnehin nicht versuchen, hässliche Musik zu komponieren, nö.

MH Dein Lied „Tatsächlich geschehen“ zeigt die Unwirklichkeit der geschichtlichen Ereignisse auf rund um den Bau, die Existenz und den Fall der Berliner Mauer, die Unwirklichkeit all dieser verrückten Wirklichkeiten. Bist du dir der starken Wirkung bewusst, die du im Lied gerade mit einer gewissen Entfremdung der Realität erzielst? Ich meine, ich frage dich dies von Basel aus. Hast du Rückmeldungen auf diesen Song von Berlinern? Welche?

MB Das war das erste Lied, das ich bei Produzent Ralph Graessler als Demo aufgenommen habe. Zum Soundcheck habe ich ein paar Mal die erste Strophe gesungen; als dann endlich ein kompletter Take durchging und in der zweiten Strophe explizit von „West-Berlin“ die Rede war, fiel Ralph die Kinnlade runter, weil er als Ostler alles ganz selbstverständlich auf Ost-Berlin bezogen hatte. Spannend für mich!

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(Im Studio mit Ralph Graessler)

Diese unverstellte, nackte Emotionalität nicht nur in der Musik, sondern auch im Text und im Vortrag zuzulassen, brauchte es 14 Jahre und eine jämmerlich gescheiterte Liebe.

MH Völlig frei von Ironie oder gar Sarkasmus ist auch dein Liebeslied „Lass mich nicht allein“. „Anders kann ich‘s nicht sagen, ganz egal wie das klingt“, singst und flehst du da. Nicht zuletzt aus diesem Song nährt sich bei mir das in der Einleitung beschriebene Gefühl, Matthias Binner sei in seinen Liedern angekommen. Fällt es dir leicht, etwas so schlicht zu sagen, wie du es hier tust? Oder hast du dich zu diesem Chanson durchgerungen?

MB Bemerkenswerte Frage, Markus!
Die Musik zu „Lass mich nicht allein“ habe ich 1999 geschrieben. Damals hatte ich mit Adriana Lubowa (alias Maike Nowak) meine ersten professionellen Auftritte überhaupt – und konnte in juvenilem Zorn nicht darüber hinweg kommen, dass die Berliner Aufmerksamkeit sich wenig mit uns, aber viel mit der Frage beschäftigte, ob Klaus Hoffmann oder Dominique Horwitz den besseren Jacques Brel-Abend geben würden. (Dass Jacques Brel jemals Klaus Hoffmann- oder Dominique Horwitz-Abende gegeben hätte, wäre mir nicht bekannt.)
Egal: Mein Ehrgeiz war, „Ne me quitte pas“ nicht nachzuspielen, sondern nachzuspüren. Mit Adrianas damaliger Betextung war ich nie so richtig glücklich.
Seitdem trage ich diese Musik im Herzen – aber um diese unverstellte, nackte Emotionalität nicht nur in der Musik, sondern auch im Text und im Vortrag zuzulassen, brauchte es 14 Jahre und eine jämmerlich gescheiterte Liebe.

(Matthias Binner – Lass mich nicht allein)

MH Du hast den Platz, welchen eine Musik-CD bietet, bis fast zur letzten Sekunde ausgenützt, wie es aussieht. So kommen wir auch in den Genuss eines recht leichtfüssigen Songs, wie „Senioren Karaoke“. Hast du dir gesagt, wenn ich schon eine CD mache, packe ich mal alles rein, was ich zurzeit habe. Oder ist die Brechung mit einer Auflockerung, wie dieser, Programm?

MB Die CD folgt genau dem Aufbau des Live-Programms: Vor und nach der Pause und zur Zugabe setze ich Halbplaybacks ein. Das ist musikalisch eine schöne Auflockerung – und bei Themen wie Karaoke oder Industrie-Musicals passt es auch inhaltlich.

MH Zurück zu „Vorbeischneiten Freiheiten“. Zuweilen landen herumwirbelnde Schneeflocken auf unserem Handrücken. Oder in unserem weit geöffneten Mund. Oder auf unserer Mütze. Welche dieser Flocken der Freiheit möchtest du in deinem Leben gerne einmal erhaschen? Wovon möchtest du frei sein? Und wozu?

MB Der „Abendsegen“ aus Hänsel und Gretel ist das letzte Lied auf der CD – das hatte ich 2012 (übrigens auch schon mit Juliane Maria Wolff) bei der Beerdigung meiner Mutter gesungen; von der hatte ich es als Kind auf der Bettkante beigebracht bekommen.
Ein junger Vater erklärte sich und mir neulich, seine neugeborene Tochter versuche mit aller Macht, das Einschlafen zu vermeiden, weil sie noch kein Konzept von Wachheit und Schlaf habe – und deshalb fürchtet, dieses wunderbare, neue Leben könnte genauso schnell vorbei sein, wie es kam, wenn sie die Augen schließt.
Die Augen schließen, ohne Angst, dass es das letzte Mal sein könnte – das wäre Freiheit.

MH Viel Erfolg und Freude, Matthias, mit deinem neuen Programm samt Album! Und vielen Dank für dieses Gespräch!

MB Ich habe zu danken!

                                                                                                                                                                       .

Matthias Binner ist ein in Berlin wohnender und arbeitender Musiker. Seit 1997 arbeitet er professionell als Pianist, musikalischer Leiter, Komponist und Librettist in Theater-und Show-Produktionen, u.a. mit Maren Kroymann, Katharina Thalbach, Victor Schefé, Matthias Matschke und Andreja Schneider.

Seine Operette „Der Geizhals“ feiert am 20.6.2015 am Landestheater Sachsen-Anhalt in einer Neu-Inszenierung Premiere; die von ihm komponierte musikalische Kriminalkomödie „Der Raub der Mona Lisa“ wird am 28.8.2015 in Berlin uraufgeführt.

Seine CD „Vorbeischneiten Freiheiten“ erscheint am 19.6.2015 und ist ab sofort über seine Homepage zu bestellen.

 

19.6.2015:
Matthias Binner „Vorbeischneiten Freiheiten“
Konzertpremiere und CD-Release!
Weitere Informationen unter www.matthiasbinner.de

Alle Bilder sind von Oliver Blankenburg (www.oliverblankenburg.de)

 

 

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