Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Lautmaler – Hinter den Fassaden

Lautmaler Cover2.jpg

von Holger Saarmann

Die Multi-Instrumentalisten Miriam Bohse, Manfred Gruber, Olaf Garbow und Arne Assmann zaubern auf dem zweiten Album, das unter dem Bandnamen Lautmaler erscheint, Arrangements von einer Originalität und einer Dichte, wie ich sie mir auf Liedermacher-Alben häufiger wünschen würde. Was man da (vor allem per Kopfhörer) an Details entdeckt, ist das reine Vergnügen: Sonnenphänomene etwa ist ein Lied für die Ewigkeit: Wie hier Gitarren, Glockenspiel, Akkordeon und Stimmen polyphon miteinander verwoben sind, sucht im Genre der Liedermacher seinesgleichen. Auch Vocal Bass & Percussion in Kombination mit transparenten Holzbläsersätzen in „Seelenschatten“ machen staunen.

Wenn auch weitgehend europäische Folk-Instrumente im Gepäck waren: Die musikalische Reise ins Morgenland (mit Abstechern u.a. nach Serbien, Israel, Indien und die Mongolei) hat deutliche Spuren hinterlassen. Sängerin Miriam Bohse ist über jeden früheren Vergleich mit Dota Kehr hinausgewachsen. Die Songstrukturen sind komplexer als zur Zeit des Debutalbums, der Sound der Produktion (gemischt von Miriam Bohse selbst) ist ebenfalls ein Quantensprung. Und am 8-seitigen Booklet ist einzig zu bedauern, daß es nicht doppelt so dick ist. Ein paar Seiten mehr von dieser Farbenpracht (Illustrationen von Ute Paulmann-Boll), die so gut zur Lautmaler-Musik passt, wären nicht verkehrt gewesen! Das alles könnte ich mir auch gut als Musik und Artwork zu einem Hörbuch mit Texten von Rafik Schami vorstellen.

Ausnahme: Glück im Sonderangebot, ein Song, der mir auf dieser Platte wie eine Pflichtübung darin erscheint, auch den politisch-globalen Horizont mit einzubeziehen. Da gefiele mir eine etwas albernere (und darum mutigere) Herangehensweise wie in „König Klima“ deutlich besser! Hier ist übrigens Heinz Ratz von Strom & Wasser als Gastsänger zu hören.

Dieses Album erschien bereits – selbstverlegt – im Oktober 2014 und wurde damals aufgrund redaktioneller Mißstände vom Lorbeerblatt nicht besprochen. Nun die zweite Chance: Das Osnabrücker Label „Timezone“ hat sich – neben diverser anderer Liedermacher – der Lautmaler angenommen. Die Wiederveröffentlichung ist am 2.10.2015.
Ich möchte anregen, bald einen Remix des Debutalbums „Denkräume und Klangwelten“ (2008) hinterherzuschieben.

Kleiner Wermutstropfen: Arne Assmann (ebenfalls Strom & Wasser-Mitglied), stieg bei den Lautmalern bereits Ende 2014 wieder aus. Bei einem Lautmaler-Konzert im Februar hatte ich das Vergnügen, als Gastmusiker einspringen zu dürfen und bekenne freimütig: Ich würde es wieder tun, denn solche Arrangements gehören auch auf die Bühne!

www.lautmaler-musik.de

Und das meint  Matthias Binner (Musiker) zu diesem Album:

Wenn eine Band Lautmaler, die Platte „Hinter den Fassaden“ und der Opener „Seelenschatten“ heißt, rechne ich instinktiv mit dem Schlimmsten. Wie schön, dann von eben diesem Opener komplett positiv überrascht zu werden! Aus dem Kalten singsangt eine sympathische, echte Mädchenstimme: „Alles ist verbogen, so verlogen, so verzweifelt, so verzwickt / und zwingt uns voran – wir sitzen im Café…“ Und wunderbarerweise klingt die Band genauso gekonnt, gewitzt, fantasievoll und reizend: Flöte, Saxophon, Gitarre und Percussion, sorgfältig gespielt und arrangiert von Leuten, die das können. Ein Highlight!

Das Märchen vom Graupelschauer“ hält das Niveau und zieht neue Waffen: Eine raunende Männersprechstimme und eine verführerisch widerborstige E-Gitarre verwandeln die kindlich-naive Klimakatastrophenparabel in ein jazzinformiertes Hörspiel. Schön!

In Sonnenphänomene“ bestätigt sich der ursprüngliche Kitsch-Verdacht dann leider doch zum ersten Mal: „Wir schauen hoch zum Himmelszelt,/ und ich hoffe, dass ein Stern von dort direkt in dein´ Schoß fällt / Traue dich träumen, doch halte ihn nicht zu fest in der Hand“ – ein dorthin gefallener Stern ist doch wohl einer der schönsten von vielen Gründen, den eigenen Schoß verträumt und fest in der Hand zu halten! Die ungleich weniger verschwurbelte Coda („Kein Regenbogen ohne Regen“) zeigt, wie es geht: Einfache, klare, schöne Worte statt konstruierter Dichterei.

Es folgen zwei Instrumentals: „Reise ins Morgenland“ erinnert mehr an die Augsburger Puppenkiste als an den IS – aber gerade das ist ja verdienstvoll und hübsch. Hübsch und verdienstvoll, aber auch ein bisschen belanglos schließt dann gleich Ma navu“ an; die Freude auf das nächste gesungene Lied kann „Glück im Sonderangebot“ leider nicht einlösen: Dem Kapitalismus und der Werbeindustrie die Maske durch Collagen ihrer eigenen Slogans vom Gesicht reißen zu wollen, hat schon in den 60igern des letzten Jahrhunderts, ach: Jahrtausends nicht so richtig funktioniert. Das klingt her sehr nach dem ambitionierten Jahresabschluss-Projekts der Mittelstufen-Bigband eines evangelischen Gymnasiums einer Universitätskleinstadt.

Adje janu“ ist musikalisch schon wieder ganz klar mindestens hochschul-aufnahmeprüfungswürdig; der Gesang macht wenigstens neugierig, welche Sprache da wohl warum verwendet wurde. Ganges“ ist eher instrumental mit Gesang als ein Lied im eigentlichen Sinne, das steht dem Ensemble aber nicht schlecht – wie die nachfolgende „Turmuhr“ leider beweist: Alles sympathisch, alles richtig gemeint, aber leider handwerklich einfach zu ungelenk, zu umständlich und unfertig, um zu berühren.

Genau das tut wiederum der instrumentale Rausschmeißer: Auf „Lass es doch ein bisschen regnen“ spielt jemand Klavier und genießt es, unschuldig und schön.

Unterm Strich: Inspirierte, originelle, liebevolle Musik; eine talentierte, berührende Sängerin, durchwachsene Texte. Mehr Licht als Schatten also hinter den Fassaden!

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