Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Bodo Wartke – was, wenn doch?

bodo wartke was wenn doch

von Sophie Weigand

Es gibt unbestreitbar so etwas wie Wartke’sche Leitmotive. Die Liebe ist eines der größten, in all ihren Ausformungen und Facetten. Die glückliche, die schmerzliche, die vergebliche; die Liebe zu einem Menschen oder zu einer Tätigkeit. Nicht erst seit dem Album-Alternativtitel „Bodo Wartke singt lieber überwiegend wieder Lieder über Liebe“ wissen wir das. Und in dieser Hinsicht enttäuscht auch Was, wenn doch? keinen Zuhörer. Besungen wird der beißende, nagende Liebeskummer wie in „Es reicht nicht“ oder „Alles auf Anfang“, das Gefühl der Liebe überhaupt wie in „Mein Gefühl“, das er- und ausfüllende Beisammensein wie in „Bei dir heute Nacht“ oder etwas augenzwinkernd die ein oder andere Randerscheinung wie in „Menage a Trois“. Mit „Avec plaisir“ gesellt sich ein Stück hinzu, das bereits durch die Orchester-Arrangements des Capital Dance Orchestra glänzen durfte – ganz gentlemanlike, gediegen, zuvorkommend und mit diesem Hauch von gestern, der Nostalgie von Rückwärtsgewandtheit unterscheidet. Auch Wartke selbst kann man keinerlei Rückwärtsgewandtheit vorwerfen, er entwickelt sich stetig vom Wortspiel- und Reimakrobaten zum Gentleman-Entertainer. Saß er früher noch mit bunten Hemden am Klavier und sang von Monica Lewinsky oder der Unmöglichkeit, auf „durch“ einen Reim zu finden, trägt er heute Anzug und schlägt deutlich öfter ruhige und ernste Töne an.

Zum Beispiel, wenn er sich eine Gesellschaft erträumt, die von Liebe zu ihrem Tun geprägt ist, wie in „Das falsche Pferd“. Es ist ein Gedanke, der sich nicht nur durch seine Lieder zieht – auch in „Da wird auch dein Herz sein“, seinem Song zum 33. evangelischen Kirchentag, lässt er ihn anklingen -, sondern auch in Interviews immer wieder Erwähnung findet. Wer tut, was er liebt, ermöglicht nicht nur sich selbst ein schöneres Leben, sondern den anderen auch einen angenehmeren Umgang. Denn wer wäre nicht ausgeglichener, wenn er sein Leben mit Tätigkeiten verbringen könnte, die ihm wirklich am Herzen liegen? Wie würde unsere Gesellschaft sich verändern, wenn wir nicht mehr diversen Zwängen von außen unterlägen? Zwängen, die uns gleichermaßen aufgebürdet werden wie wir sie uns selbst bereitwillig auferlegen? Bereits Georg Kreisler hat in „Wenn alle das täten“ eine Gesellschaft besungen, die sich freimacht von Erwartungen. Das ist eine schöne Idee, nicht nur für Sozialromantiker. Auch wenn sie mutmaßlich niemals Realität wird, kann man sie sich gelegentlich vorstellen. Ein utopischer Restzweifel bleibt immer, ein (in diesem Fall auch titelgebendes) Was, wenn doch?… Was, wenn es doch klappt, etwas langfristig zu verändern?

Auch die Absonderlichkeiten des menschlichen Alltags finden auf Wartkes neuem Album Platz. In „Der Knopf“ geht er beispielsweise erschöpfend der Frage auf den Grund, weshalb man im Bus immer den Halteknopf drückt, obwohl das schon längst ein anderer Fahrgast getan hat und man sich dessen auch vollumfänglich bewusst ist. Das Lied kommt letztlich zu dem Schluss, dass das Knöpfedrücken wohl einfach „geil“ ist, – mit derselben Beschwingtheit könnte Wartke vermutlich auch das Problem besingen, mit immer größerer Anstrengung die Fernbedienung zu malträtieren, obwohl die Batterien leer sind. Das ist zwar im ersten Moment ganz amüsant, nutzt sich in seiner thematischen Belanglosigkeit aber relativ schnell ab. Da Wartke ein leidenschaftlicher Tänzer ist, findet sich auch auf diesem Album ein Tanzlied – „Blues, Baby! Blues“. „Happy End“ und „Schlaflied“ kennen aufmerksame Hörer schon von den Liveaufnahmen zu ,Klaviersdelikte‘.

Bodo Wartke weiß mit Sprache umzugehen, er weiß, eingängige und bewegende Melodien zu komponieren, das steht außer Frage. Mit der stetigen Bewegung hin zum Gentleman-Entertainer kommt allerdings auch ein Stück die Doppelbödigkeit und Wortspieldichte abhanden, die frühere Programme ausgezeichnet haben. Wenn er jetzt witzelt, bewegt es sich manches Mal gefährlich nah an der Grenze zum Kalauer entlang. Nichtsdestotrotz ist Was, wenn doch? ein hörenswertes und abwechslungsreiches Album von einem Künstler, der geradlinig seinen Weg verfolgt. Insofern: keine großen Überraschungen im Wartke-Kosmos, die neue CD ist verschmitzt, intelligent, beschwingt und eingängig, so, wie man es gewohnt ist.

www.bodowartke.de

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