Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Falk – Skizzen (2017)

falk

von David Wonschewski

Bissig-böse Künstler stehen nicht selten vor einem diffizilen Problem. Denn hast du erst einmal ein Publikum gefunden, das auf deinen menschenverachtenden Zynikerton nicht nur abfährt, sondern sich auch darauf verlässt, so bist du verraten und verloren. Hat die Fanschar erst einmal Geschmack gefunden an deinem misanthropischem Sarkasmus, so erwartet sie stete Steigerungen des ewiggleichen Pointen-Brechreizes. Sanfte Zwischentöne, nachdenkliche Sequenzen: selten erwünscht, bestenfalls geduldet.

Im Grunde nichts anderes als das altbekannte Helge Schneider-Phänomen, für dessen Jazzqualitäten sich auch nur eine Minderheit seines Publikums interessiert. Herrlich absurd soll er sein, was über die Jahre bekanntlich derart groteske Züge angenommen hat, das das Publikum selbst dann lacht, wenn Schneider einen lapidaren Allerweltssatz brabbelt.

Nun wäre es natürlich fehlplatziert die Mühlheimer Herrentortenlegende auch nur im Ansatz mit dem Wuppertaler Frühspund Falk zu vergleichen. Und doch ist nicht zu verhehlen, dass auch Letzterem in jungen Karrierejahren etwas Unvergleichliches gelungen ist: in einer an Sarkasmus nicht gerade armen Musikszene hat gerade er, der szenefern aufgewachsene Wuppertaler Junge mit dem Sympathengesicht, die humorige Kotzgrenze eines ganzen Genres brachial nach oben verschoben. Nicht an Roski oder Kreisler, nicht an Krämer oder Schobert & Black wird ein jeder auf echten, also hemdsärmelig und roh verabreichten Sarkasmus fixierte Chansonnier sich in den nächsten Jahrzehnten messen lassen müssen. Sondern an ihm, Falk.

Mehr als würgen und kotzen und ein Lied draus machen (und wieder würgen und wieder kotzen und wieder ein Lied draus machen) geht jedoch nicht. Das kann nicht einmal Falk. Neu ist das keineswegs, überraschend auch nicht, schon gar nicht für ihn selbst. Bereits frühere Stücke wie „Fehler“ oder „Bernstedt“ zeigten, dass Falk nicht nur hart an der Ätzgrenze austeilen, sondern auch selbstbezichtigend und sensibel heilen kann. Sich hinter dem so vehement zelebrierten Randgruppen-Bashing auch eine Sehnsucht nach feinsinnigem und vielschichtigem, vielleicht gar pointenlosen Storytelling verbirgt.

Womit wir im Jahr 2017 angekommen wären. Und bei Falks mittlerweile viertem Studioalbum „Skizzen“.  Das, der Name gibt es durchaus her, einen Künstler im Umbruch, wahlweise auch in der Fortentwicklung zeigt. Ein sogenanntes „Zwischenalbum“, das Falk mit Sicherheit nie als solches betiteln würde. Eine CD, bei der das Gestern bereits abgestreift wird, ohne dass das Morgen bereits klar definiert wäre. Schlimme Sache? So man auf Plastik, Pomp und Perfektion steht, vielleicht. Ansonsten aber das genaue Gegenteil: spannend. In all seinem musikalischen Stolpern und Aufstehen und Stolpern und wieder aufstehen auch faszinierend. Menschlich sehr nachvollziehbar.

Bereits der von feinsten Bläsern nach vorne getriebene Eröffnungstrack „Psychologin“ belegt all das: Die musikalische Suche nach neuen Ufern und einer klanglichen Vielschichtigkeit, die aus einer einzigen Akustikklampfe kaum herauszuholen ist. Dazu das textliche Streben nach einer Abkehr, einem Entkommen aus dem spröde gewordenen Hau Drauf-Haifischbecken. Sicher, die Idee ein Stück über eine Ehe zu schreiben, in der die Frau Psychologin ist und selbige den leidenden Eheglatten fix und fertig analysiert, tja, ist so richtig neu nun nicht. Und böte nun wahrlich viele Möglichkeiten der sarkastischen Überspitzung. Doch genau die ergreift Falk nicht, lässt sie nahezu fahrlässig liegen. Und seziert – anstatt zwanghaft für den nächsten Ultra-Lachflash sorgen zu wollen – stattdessen das Beziehungsgeflecht zwischen sich nicht viele Gedanken machenden Männern und sich viel zu viel Gedanken machenden Frauen. Mit der unlustigen, weil schrecklich wahren „Pointe“, dass Frauen den Bärenanteil an Beziehungsarbeit leisten. Derweil Männer irre werden daran. Ein toller Track, der auch bei Paaren funktioniert, in denen die Göttergattin einer anderen Profession nachgeht. Und der Falks frisch entfachte musikalische Abenteuerlust nahezu perfekt bündelt, in erste neue Höhen katapultiert. Und damit einen ziemlichen Kontrast zum nachfolgenden Lied „Madrid soll wirklich schön sein“ bildet, das in seinen über vier Minuten, leider ebenso perfekt, die Schwierigkeiten dieser Neubestimmung illustriert. Gut möglich, dass Falk, er selbst hat vor Kurzem erst Ähnliches verlauten lassen, die ihm hier von mir mal einfach so untergeschobene Neubestimmung gar nicht im Sinn hat, ja er tatsächlich alles macht wie immer. Unzweifelhaft lässt das Stück jedoch all die Finesse vermissen, die den Opener so gelungen macht.  Auf den Punkt formuliert ist hier wenig, vor allem textlich fragt man sich, welche Geschichte Falk in seiner Schilderung eines Spanienurlaubs mit einer Freundin und einem Freund eigentlich erzählen will. In nahezu sämtliche Thementöpfe lugt er kurz einmal hinein – Nazi-Zeit, Deutsche im Ausland, Frauen und Männer auf engstem Raum, heißblütige Südeuropäer, Beamtenwillkür – deutet aber alles nur an, erzählt nichts zu Ende. Einige Songs dieser Machart finden sich auf den „Skizzen“, deren bloße Existenz Fragen aufwirft. Wenn das keine klangliche Klientelpolitik ist, deren Sinn darin besteht die Hauptzielgruppe zu erfreuen – was ist es dann?

Dann aber kommt „Schulzeit“. Wie bei der „Psychologin“ wählt Falk sich ein an und für sich schrecklich abgewetztes Thema: das von jeder Seele durchlittene Mobbing der Pennälerzeit. Doch lausche nun einer diesen Zeilen, lasse sich ängstigen vom nachtragend-bedrohlichen, zürnenden Aggressivspiel der Akustikgitarre. Und schließlich hinfort tragen vom verzeihend-schulterzuckenden, luftigen Klimpern des Klaviers. Ein Song, den Falk als Bekenntnisse eines potentiellen Amokläufers in die Spur setzt – und in einer großen Menschheitsumarmung enden lässt. Grandios fiese Nummer, faszinierend wahr. Und bissig ohne dabei sarkastisch zu sein.

Es folgt: ein künstlerischer Tiefpunkt, der zum Höhepunkt gerät. Wie, so etwas geht nicht? Geht doch! Meine Herren, auch die Damen: Willkommen im „Männerclub“. Ein wie aus der Zeit gefallenes Lied zum enthemmten Mitgröhlen. Ein Lied, das du wohl nur schreiben und derart schambefreit umsetzen kannst, wenn du entweder total zugedröhnt bist oder aber dir längst alles und alle egal sind. Im Grunde, seien wir ehrlich, handelt es sich hier um ein Stück, das nur eine einzige Bewertung verdient: komplett daneben. Also flugs weiter skippen? Bloß nicht! Schließlich handelt es sich hier um ein Thema, das schon zu den Zeiten eines Al Bundy – No Ma’am – herrlich altbacken war. Männer, gebündelt, sich selbst überlassen, das ging noch nie gut. Und so überhaupt jemals etwas Gutes dabei herumkommen kann, so ist es absurder, sich selbst entlarvender Wahnsinn, wie ihn Falks „Männerclub“ nun, zum schmählichen Schmunzeln für Männlein wie Weiblein, komisch darbietet. Wir wollen nun nicht so weit gehen und behaupten, dass sich die postpatriarchalische Nutzlosigkeit des modernen Mannes in diesem Lied Bahn bricht, das wäre zu akademisch und verquast gedacht, das leistet der Song nicht und will es auch gar nicht leisten. Und doch es sind vor allem die vielen feinen Zäsuren, Falks parodistische Vortragsweise und eine direkt vom Männergott (Mars, Jupiter, Zeus…) auf Erden gesandte bajuwarische Tuba, die genau diese Message zwischen den Zeilen transportieren. Ein furchtbar abgespacktes Stück. So herrlich abgespackt, dass Mann schreien will vor Glück. Und auch Frauen – und gerade solche, die gerne die Nase rümpfen, die Braue heben, sich um Kopf und Kragen psychologisieren – auf ihre Kosten kommen werden. Meisterhaft belanglos der Mann, meisterhaft belanglos dieses Lied!

Sechzehn Tracks hat Falk auf dieses Album gepackt. Fehlinterpretiert hin, fehlinterpretiert her – der Wunsch, sich neue Zielgruppen zu erschließen ohne die längst erschlossenen fahrlässig preiszugeben erhärtet sich durch diese Songwucht eher als das sie abgeschwächt wird dadurch. Das subjektive Hörempfinden vernimmt hier ein klasse zehn Track-Album, das durch Unentschlossenheit (oder auch Archivwahn) auf unnötige sechzehn Stücke aufgeplustert wurde. Das kann negativ gelesen werden, muss es aber keineswegs. Finden sich neben ein paar der schwächsten Songs von Falk doch auch eine Reihe seiner bis dato stärksten. Und je länger die „Skizzen“ dauern, desto mehr umgreift den Hörer das Gefühl, es hier mit einer falk’schen Rampe ins Keiner-ahnt-wohin-nichtmal-der-Künstler-selbst zu tun zu haben. Allein die Songtitel reichen schon aus das zu belegen. Wundervoll selbstkritische, verzagte Introspektiven wie „Das letzte Kapitel“, „Unsympath“, „Spiegel“ und „Resignation“ geben sich gen Plattenfinale die Klinke in die Hand. Um gekrönt und abschließend zusammengefasst zu werden im gehässigen „Von vorn anfangen“. Einem jener typischen Falk-Auswüchse, die weniger Lied und vielmehr Statement sind.

Zur Website von Falk: HIER entlang.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht. 2017 erschien seine erste Hör-CD „Das Seufzen und das Schweben“. Mehr Informationen dazu: HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Mai 2017 von in 2017, Falk, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , .
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