Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Florian Schneider – SchAngSongS 2 (2017)

 

von Markus Heiniger

 

Oberbaselbieter-Dialekt? «Die sprechen wenigstens nicht ganz so extrem wie ihr», sagte mir einst einer von ennet dem Jura, ein Schweizer Mittelländer, der sich von der Kultursprache Baseldeutsch wohl irgendwie bedroht fühlte. (Dass ich auch Berndeutsch spreche und singe, sagte ich ihm natürlich nicht, der Basler in mir war zu stolz.) – Worauf ich gerade abziele? Schneiders warmen, hochalemannischen Dialekt hier als provinzielles Idiom zu präsentieren? Naja, wenn es der geneigte Leser denn unbedingt so sehen will, meinetwegen. Der Sänger und Texter selber ist es ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil.

Florian Schneider kennt die Opernbühnen Europas. Und zwar nicht nur von den Zuschauerrängen aus. Als Lyrischer Tenor sang er Opern und Operetten schon früh in Lüneburg, Ulm und Bern. Seit 1990 sang er u.a. auch Filmrollen, Brechtlieder sowie über 30 Hauptrollen an grossen Musical-Theatern; unvergessen natürlich auch jene in Andrew Lloyd Webbers «The Phantom oft he Opera», die er über 500-mal im frisch eröffneten Musical-Theater Basel gab.

Nun ist Florian Schneider Liedermacher. Mit «SchAngSongs»: Eine freundlich verspielte Übernahme des Wortes Chansons in seinen Dialekt.

Aber geht das überhaupt? Ich meine: Pavarotti als Brassens? Placido Domingo als Bob Dylan? Florian Schneider als Walther von der Vogelweide? Ja, geht. Geht gut. Ausgesprochen gut sogar. Denn es macht Florian Schneider zu Florian Schneider. Und das ist spannend. Begleitet wird der kräftige, blonde Barde von seiner eigenen Gitarre, die er zu seinen Liedern tanzen, weinen und träumen lässt. Und vom Geiger Adam Taubitz. Vielleicht müsste man ja eher «Teufelsgeiger» sagen.

Auf dem ersten der beiden CD-Covers lehnt Schneider an einer der über tausendjährigen Wildensteiner Eichen im lauschigen Hain. Das passt. Auch wenn in seinen Liedern insgesamt wesentlich mehr Kirschbäume vorkommen als Eichen. Schneiders eigenständiger Gesang lehnt sich nicht an die alten Baumstämme an. Er kreist, fleht und schwebt vielmehr um die knorrigen, stummen Zeitzeugen herum.

Florian Schneiders Lieder sind mit grosser Kelle angerührt, klar. Mit ganz grosser. Denn der Opern- und Musicalstar taucht hemmungslos ein in die grossen Themen, die er tausendfach auf Italienisch, Englisch und Deutsch verinnerlicht hat und in langen Jahren ebenso oft in volle Säle hineingeflüstert und geschmettert: Liebe, Tod und Sehnsucht. Und einsame, nächtliche Heimwege mit blutendem Herzen und zuweilen ebensolchem Ausgang. All dies trägt Schneider auf der Zunge, ja, es bricht richtiggehend aus ihm heraus, durchwegs kraftvoll und doch stimmlich immer gerade richtig. Er singt beherzt, nicht nur weil er es kann, nein, vielmehr als wäre er erlöst, die existentiellen Themen des Lebens, seines Lebens, endlich, endlich auch in seiner eigenen Sprache, ja mit seinen eigenen Worten und packenden Grooves singen zu dürfen.

Wer ihm heute lieber aus dem Weg geht, weil Schneider in politischem Rahmen mit seinem «Rotstablied» unlängst recht medienwirksam polarisiert und provoziert hat, handelt wie einer, der zwar bestens über Mozarts Eskapaden und Launen informiert ist, dabei aber übersieht, dass der umtriebige Junge daneben ja auch noch ganz ordentliche Musik gemacht hat.

Was gibt es zu «SchAngSongS» besonders zu erwähnen?

Zuerst und vor allem, dass auf beiden CDs nichts abfällt. Gar nichts. Alles kommt bei Florian Schneider und Adam Taubitz aus einem Guss, ohne dass es auch nur für ein kleines Weilchen langweilt. Zu bewegend und unterhaltend ist die Mischung aus über Jahrzehnte geschliffener Professionalität und der inspirierenden, unbändigen Lust daran, neue Wege zu gehen. Zu packend ist die Duo-Mischung aus bluesig, rockig und eigenwillig.

«Rhywäg» (Rheinweg) ist ein nächtliches Basler Stimmungsbild. Sowas kann man fast nur am Basler Rheinknie schreiben, am Dreiländereck, wo sich Basels Traum eine Grossstadt zu sein und der Traum der Vergangenheit, in der man tatsächlich eine war, die Hände reichen. Und so treffend kriegt es überdies bestimmt fast nur einer hin, der in der legendären kleinen Rheingass-Oper und wohl auch im eigenen Leben eine kräftige Dosis Basler Sehnsucht nach der grossen weiten Welt inhaliert hat. Das fast schon lapidare Bild dazu? Nein, nicht die käuflich, erotisch aufgeladene Kulisse. Vielmehr die Fähre – die vier Fährschiffe gleiten in Basel an Drahtseilen über den Fluss hin und her – die, trotz des Fährmanns nächtlichem Traum vom weiten Meer, auch am nächsten Tag bloss immer wieder quer über den «Bach» fährt. Schneider kann auch ganz fein provozieren in seinen Texten und die Sehnsucht seiner Zuhörer kitzeln. Ganz fein, ja, aber effektiv.

«Alts, chalts Hus» (Altes, kaltes Haus) ist autobiographisch. Es wird vom erwachsenen Sänger aufgesucht, der dem Spuk und dem Leiden der vier Wände seiner Jugend längst entronnen und entwachsen ist. Nicht lustig, was wir da hören. Aber letztlich durchaus versöhnlich. Denn in der letzten Strophe unternimmt Schneider augenzwinkernd den Versuch, es dem Publikum zu verhökern, sein altes Haus. – So locker lässt man letztlich also alte Geschichten los; danke!

«Wildesteiner Moritate» (Wildensteiner Moritate) ist das eigentliche Meisterwerk des Barden. Schneider bearbeitet hier eine alte Volkssage. Der Liedermacher fühlt sich in eine Kindsmörderin hinein, die er in seiner Ballade so wahrhaftig verkörpert und belebt, dass auch sein verehrtes Vorbild, Walther von der Vogelweide, ja, gerade er – sässe er in Florian Schneiders Publikum – wohl einfach nicht anders könnte, als den Hut zu ziehen vor seinem Kollegen.

 

www.florian-schneider.ch

 

Ein Kommentar zu “Rezension: Florian Schneider – SchAngSongS 2 (2017)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: