Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das große EAL-PingPong-Gespräch: David Wonschewski trifft Carsten Langner.

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Knapp fünf Jahre ist es her, da konnte ich mit dem damals noch sehr jungen Liedermacher Carsten Langner ein erstes Interview führen. Keine Frage: Jung ist er noch immer, doch keinesfalls mehr ein junger Spund. Dazu hat er mittlerweile viel zu viele Auftritte auf sehr kleinen und ziemlich großen Bühnen absolviert, sich vom Musiker zum Produzenten und Verleger gemausert, dabei neben viel Lob auch eine Menge Missgunst und Spott ernten müssen. Und nicht zuletzt und überhaupt: vier Alben veröffentlicht. Grund genug für mich, erneut das Gespräch zu suchen mit einem, der – so fühlt es sich zumindest an – gerade erst richtig loslegt… 

David: Carsten, schön dich mal wieder zu treffen! Wir sind uns zwar auch bei unserer Berliner Liedermacher-Reihe im „Budzinske“ noch mal über den Weg gelaufen, aber unser erstes und bisher einziges Interview, das fand vor mittlerweile knapp fünf Jahren statt. (lesen Sie HIER). Damals lebtest du in Schönkirchen, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, warst durchaus Freund des Schmuddelwetters und mochtest dir kaum vorstellen, jemals dort wegzuziehen. Sag, bist du, was diese Ortstreue betrifft, „noch der Alte“…?

Carsten: Das Wort „Ortstreue“ trifft es nicht ganz. Ich mag es zuhause und zum Schreiben einfach beschaulich und still – nach wie vor. Dafür gibt es einen guten Grund: Solch eine Umgebung gibt mir die Möglichkeit, ungestört zu verarbeiten, was ich anderswo erlebe, meine Gedanken zu ordnen, denn hier passiert in der Regel nichts, was mich ablenken könnte. (lacht) Wenn man sich wie ich sehr leicht ablenken lässt, ist es wichtig, dem vorzubeugen. Mein kleines Tonstudio habe ich immer noch in Schönkirchen, mit Blick auf Wiesen, Felder und darüber kreisende Möwen – genau die richtige Umgebung für unabgelenktes Arbeiten. Und wenn mir der Kopf glüht, bin ich in fünfzehn Minuten an der Ostsee. Aus privaten Gründen und durch die Zusammenarbeit mit dem wunderbaren Gitarristen Adax Dörsam verbringe ich mittlerweile aber auch viel Zeit in Mannheim. Etwa die Hälfte des Jahres lebe ich dort und kann jederzeit eintauchen in das pulsierende Leben der ewig wachen Rhein-Neckar-Region – eine schöne Abwechslung. Adax‘ Studio wiederum befindet sich ein wenig außerhalb, in einem kleinen Odenwaldörtchen. Da haben wir einen Großteil der neuen Lieder aufgenommen. Die Arbeitsbedingungen sind ähnlich wie bei mir: Berge und Wiesen vorm Fenster, hin und wieder schaut mal eine Kuh oder ein Hund rein. So schließt sich der Kreis.

David: Eine gute Überleitung – „Von Wegen“, so heißt dein neues Album. Was, wenn man dein Schaffen schon eine Zeit verfolgt, zwangsläufig als erstes auffällt beim Blick auf die Tracklist ist natürlich, dass neben neuen Liedern auch einige ältere Songs ihren Weg auf die Platte gefunden haben. „Googlediagnostik“ beispielsweise, oder „Wie ein Schmetterling im Wind“. Wie kam es dazu?

Carsten: Ich habe mich künstlerisch in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und dabei haben sich auch die Lieder verändert. Für mich ist ein Stück niemals in Stein gemeißelt. Wenn einem nach Jahren plötzlich was Anderes einfällt – warum nicht? Für alle, die die alten Aufnahmen lieber mögen, gibt es ja nach wie vor die alten Platten. Ein weiterer Grund für die Entscheidung, manche Songs noch einmal einzuspielen, war, dass ich die früheren Versionen alle solistisch aufgenommen habe. Dieses Mal hatte ich mit den Gitarristen Adax Dörsam und Jens Kommnick sowie der Sopranistin Verena Hilger eine kleine Studioband und dadurch natürlich musikalisch viel mehr Möglichkeiten.

David: Dass du Perfektionist bist, das hattest du schon damals, vor fünf Jahren, eingestanden. Nachvollziehbar also, dass man die Chance, manches Stück neu zu bearbeiten und noch einmal herauszubringen, beim Schopfe packt, so die Möglichkeit besteht. Was sich aber durchaus nach einer größeren Änderung in deinem Künstlerleben anhört ist die Zusammenarbeit mit Adax Dörsam. Seinerzeit war es dir noch wichtig gewesen, möglichst alles im Alleingang zu machen – und sei es nur, um hinterher sicher sein zu können, dass nur du es verbockt hast. Hat sich deine Einstellung dazu verändert? Oder bewusst plump gefragt: Was kann Adax was du nicht kannst?

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Carsten: Die Zusammenarbeit mit Adax Dörsam, der mich auch als Co-Produzent unterstützt hat, ist recht spontan entstanden, während einer Session bei ihm zuhause. Wir hatten uns 2013 kennen gelernt bei einem Festakt zu Ehren von Bömmes, einem Urgestein der Burg-Waldek-Festivals, der seinen 75. mit einem großen Konzert feierte. Das Programm organisierte Manfred Hausin. Ich war als Solist engagiert und Adax begleitete die wunderbare JOANA. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sind danach in lockerem Kontakt geblieben, der sich 2015 intensivierte, als ich immer häufiger in seiner Gegend war. So kam es eben zu jener Session, die Chemie stimmte und wir waren auch musikalisch auf einer Wellenlänge. Heißt: Ich hatte das Gefühl, dass er meine Lieder so interpretierte, wie ich sie meine und dass er ihnen zugleich das gab, was ihnen noch fehlte.

Adax ist einer der besten Gitarristen des Landes und verfügt dank seiner Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedensten Genres wie Xavier Naidoo, Rolf Zuckowski, Lydie Auvray, um nur mal drei zu nennen, neben überragenden Fähigkeiten am Instrument auch über einen profunden stilistischen Erfahrungsschatz. Für mich ist er ein wunderbarer Mentor, der mich einerseits mein Ding machen lässt, andererseits aber auch wohlwollender und somit weiterbringender Kritiker sein kann.

David: Und wie war das im Studio?

Carsten: Im Studio haben wir alle Stücke gemeinsam eingespielt. Ich habe mich auf dieses Sessions sehr intensiv vorbereitet und Adax immer wieder Demos geschickt. Proben gab es in der Regel nicht vor den Aufnahmen. So war es mir möglich, die Lieder besonders gefühlvoll zu interpretieren, dank der Magie des ersten Mals: Du hörst Dein Lied mit der zweiten Gitarre und denkst, während Du singst und spielst: „Das ist es, so muss es sich anfühlen!“ Warum, dachte ich mir, soll man nicht mal genau diese intensiven Momente des Entstehens aufnehmen? Vielen Liedern auf der CD hört man das an, meine ich. Es gab aber auch Stücke, bei denen ich nach ein paar Takes sagte: „Adax, das ist es nicht, ich stelle es mir anders vor.“ Dann gab’s ’nen Kaffe und danach hat er es eben noch mal anders gemacht, wenn’s sein musste auch noch mal und noch mal – und immer wieder handwerklich plattenreif. Viele Musiker fühlen sich gewaltig auf den Schlips getreten, wenn Dir nicht auf Anhieb gefällt, was sie anbieten. Adax ist da völlig uneitel. Er sieht sich aber auch nicht als stillen Dienstleister, sondern sagt auch mal, wenn er den Eindruck hat, dass es in eine falsche Richtung geht. Und er ist einer der ganz wenigen Menschen, von denen ich mir sowas auch sagen lasse. Er ist quasi meine Band.

David: Da muss ich zwischenhaken, ist denn das die ganze Wahrheit? Ich sah doch jüngst deine Bekanntmachung: Du veröffentlichst auf deinem Label Scheiben anderer Künstler. Die Du, so lese ich, „aufgenommen und produziert“ hast. Was ist denn da passiert mit dem Einzelgänger? Dein Name wird, wenn ich das recht verstehe, nur im Kleingedruckten zu finden sein?

Carsten: Ich mag die Arbeit hinterm Mischpult, als Dienstleister für andere Künstler, ebenso sehr wie die als selbstständiger Musiker. Gerade habe ich zum Beispiel eine CD mit französischen Chansons für die Sängerinnen JOANA, Susanne Back, den Pianisten Peter Grabinger und die Akkordeonistin Lydie Auvray produziert. Das ist ja erst mal eine ganz andere Baustelle. Trotzdem ist es extrem hilfreich, beide Seiten zu kennen. Wenn man dann ehrlich miteinander umgeht, und das tun wir, lässt sich tatsächlich so arbeiten, dass am Ende die besten Aufnahmen auf einer CD landen. Und das sind nicht immer unbedingt die, die der Eitelkeit des Sängers oder Gitarristen gerade besonders schmeicheln. Nicht-Musiker können vielleicht am ehesten anhand eines Foto-Vergleichs nachvollziehen, wie ich das meine: Die Fotos, auf denen wir uns selbst besonders gut gefallen, sind nicht immer die, die uns am Authentischsten, am Lebendigsten zeigen. Aber genau darum, um Authentizität und Lebendigkeit, geht es ja, auch bei Musikaufnahmen. Viele eigentliche tolle CDs schwächeln gerade in diesem Punkt. Wir Musiker müssen uns manchmal also bei der Auswahl der besten Version eines Liedes auf das Urteil anderer verlassen. Wenn der uns gut beraten kann, auch weil er weiß, wie sich das anfühlt  – umso besser. Manche Dinge kann und muss man natürlich allein machen, künstlerische ebenso wie auch ansonsten im Leben. Aber dadurch muss man weder beratungsresistent noch misanthropisch werden. Ich kenne jedenfalls einige sehr gesellige Einzelgänger und glaube, selbst auch so einer zu sein. Einer gegen alle wäre nichts für mich. Aber Herdentier bin ich auch nicht. Ach, lass uns über Musik reden…

David: Tun wir das nicht die ganze Zeit? Wenn Musik das Leben transportiert oder spiegelt, ja vielleicht sogar das Leben ist, dann gehört zu einem Musikgespräch eine gewisse psychologische Ebene zwangsläufig dazu. So sehe ich das zumindest. Ein gutes Beispiel ist dein Lied „Wie ein Schmetterling im Wind“. Du hast den Titel auf deinem Debüt „Momentaufnahme“ erstmals veröffentlicht. Und nun in einer überarbeiteten Fassung mit Adax Dörsam. Wenn man nun beide Fassungen vergleicht, so fällt nicht nur auf, dass der Song, so wie du es bereits beschrieben hast, gerade durch das zusätzliche Gitarrenspiel von Adax Dörsam facettenreicher und spannender geworden ist als die Version, die du dereinst alleine einspieltest. Nein, es wirkt auf wundersame Weise auch, als hättest du gerade durch das Zulassen eines anderen Musikers endgültig einen eigenen Langner-Stil gefunden….

Carsten: Das höre ich in letzter Zeit sehr häufig. Freut mich, wenn Du es auch so wahrnimmst. Die Findung eines eigenen Stils hat natürlich immer auch was mit der Entwicklung der Persönlichkeit zu tun. Als ich 2010 anfing, Lieder zu schreiben und aufzunehmen, war ich noch viel unsicherer und brauchte musikalische Vorbilder, die mir den Weg aufzeigten. Reinhard Mey hat in einer Radiosendung dafür mal das poetische Bild des Stammes gefunden, an den sich das junge Bäumchen anlehnt, um wachsen zu können. Das ist ein völlig natürlicher Prozess, denke ich. Und ich bleibe dabei: Bevor man sich selbstständig macht, auch als Künstler, sollte man sich Lehrmeister suchen, die einem das nötige Handwerk vermitteln, mit dem man dann Eigenes erschaffen kann. Für Liedermacher gibt es ja keine richtige Ausbildung. Als Klassiker oder Jazzer gehst Du an eine Hochschule und musst Dich da zwangsläufig und richtigerweise erst mal mit dem Repertoire Deines Fachs auseinandersetzen, bevor Du Dich an Deinen eigenen Stil machst. Wir Liedermacher müssen uns unsere Lehrer und Herausforderungen selbst suchen. Und wenn man wirklich gut werden will, braucht man Lehrer bzw. künstlerische Wegbegleiter. Sonst tritt man auf der Stelle oder wird wieder schlechter.

David: Klingt einleuchtend…

Carsten: Ich liebe es, Geschichten zu erzählen und bin begeisterter Gitarrist. Und ich bin erst 29. Mal sehen, wohin die Reise noch geht. Jedenfalls denke ich nicht mehr so sehr in Genres. Der Stil ist immer eine Momentaufnahme. VON WEGEN hat seinen Stil, das nächste Album wird wahrscheinlich wieder etwas anders klingen. Natürlich hat man seine Wurzeln, aber je weiter man wächst, desto mehr Spielraum tut sich auf und desto stärker vermischen sich die Einflüsse Anderer mit Eigenem. Wie der endgültige Langner-Stil klingt, darüber sollen Leute sich streiten, wenn ich irgendwann mal abgekratzt bin. Aber mit 29 hat noch niemand seinen endgültigen Stil gefunden. Wenn wir über die unterschiedlichen Stile großer Musiker sprechen, egal, ob in der Klassik, im Rock oder bei Liedermachern, dann meinen wir häufig deren Lebenswerke, keine Zeitspanne von fünf Jahren. Gut ist, wer immer wieder Neues zulässt.

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David: In musikalischer Hinsicht ist das alles sehr nachvollziehbar, wie ich finde. Inwiefern gilt denn das für deine gesamte Persönlichkeit? Ich erinnere mich an einen freundschaftlichen Disput, den wir beide eines Nachts am Telefon einmal hatten. Thema: das politische Lied und wie es sich bestenfalls Gehör verschafft. Mit „Keine Wahl“ und „Mein Heimatland“ hast du nun zwei ausnehmend politische Stücke auf dem neuen Album. Ich habe dich in persönlichen Gesprächen schon 2012 als sehr politischen Menschen wahrnehmen dürfen, habe diese klare politische Stellungnahme jedoch vermisst auf deinen ersten Platten. „Keine Wahl“, das ja bereits auf deiner Vorgänger-CD in einer ersten Version erschien, ließ schon keine Fragen mehr offen in Sachen Rechtspopulismus und Demokratieverständnis. „Mein Heimatland“, ich sage es bewusst so deutlich, ist nun aber das stärkste Stück, das ich von dir kenne. Erweitert um die Themen „deutsche Befindlichkeit“ und „Flüchtlingskrise“ packst du neben deiner klaren Ansage eine Intensität in deine Anklage, die in ihren besten Momenten Gänsehaut erschaffen kann. Da jammert einer nicht, schon gar nicht von oben herab, nein, da leidet einer mit. Da setzt sich einer nicht intellektuell von oben herab ab, nein, ist mittendrin, trägt maximal Mitverantwortung, minimal vielleicht gar Mitschuld. Wie nah an deine politische Befindlichkeit bin ich da nun gekommen?

Carsten: Ich sehe mich nach wie vor nicht als Protestsänger, auch nicht als politischen Vordenker. Meine Lieder sind subjektive Beiträge zu aus meiner Sicht notwendigen demokratischen Diskussionen. Diskutieren ist gerade aber nicht sehr in, wir liken oder disliken lieber Parolen. Was nicht in 120 Zeichen passt, ist zu kompliziert. Ich zwinge mich beim Schreiben deshalb, es mir niemals zu einfach zu machen.

David: Du verfügst auch über politische Erfahrung, wenn ich mich recht entsinne…

Carsten: Nebenberuflich habe ich einige Jahre lang im Öffentlichkeitsreferat des Schleswig-Holsteinischen Landtages gearbeitet. Ich denke, die parlamentarischen Prozesse und den Arbeitsalltag von Landespolitikern in dieser Zeit ganz gut kennen gelernt zu haben. Und mir ist eigentlich niemand begegnet, bei dem ich den Eindruck gehabt hätte, der macht es sich einfach. Im Gegenteil. Wir Künstler sehen uns gern als unabhängige Verfechter der Demokratie und als Idealisten, die sich das Recht rausnehmen, zu träumen. Nur: Idealisten sind sehr viele Politiker auch. Sie dürfen das aber nicht offen zeigen, weil einen träumenden Politiker keiner ernst nimmt, und weil man einen Abgeordneten, der eine gute Idee hat, mit Recht sofort fragt, wie er die denn umsetzen will. Und dann ist da noch ein Problem: Wir alle wollen, dass Politiker ehrlich zu uns sind, gestehen es ihnen aber im Grunde nur solange zu, wie sie uns nach dem Munde reden. Tun sie das nicht mehr oder zwingen sie uns gar, oft auch durch vernünftige Beschlüsse, unsere Lebensweise zu ändern, schreit sofort irgendwo jemand „Volksverräter“. Wenn man sich aber mal anschaut, wie viele verschiedene Interessen bei einem normalen Gesetzgebungsverfahren unter einen Hut gebracht werden müssen – und unterschiedliche Interessen sind in einer Demokratie ja erst mal völlig legitim -, dann wird einem klar, wie komplex Politik ist. Biertisch- oder Bühnenkanzler gibt es viele. Aber die wenigsten von denen gäben gute Demokraten ab.

David: Ein, wie ich finde, sehr wichtiger Punkt: Das Volk widerspricht sich selbst. Fordern Klartext, aber sagt ein Politiker von Koalitionspartei A „Ich denke die Mehrwertsteuer muss rauf!“ und ein Politiker von Koalitionspartei B sagt „Ich denke sie muss eher runter!“, schon wird in deftigen Worten von Regierungskrise fabuliert, schlimmstenfalls gar über Rücktritte spekuliert. Die eigene Meinung ändern darf ein Politiker auch nicht mehr, dabei sehe ich gerade darin eine große Stärke. Da darf man sich nicht wundern, wenn ein Großteil der Politik in Hinterzimmern ausgekungelt wird. Welche Rolle, denkst du, kann da der Künstler einnehmen?

Carsten: Gewiss läuft sehr vieles sehr falsch in diesem Land. Und Künstler müssen, finde ich, genauso wie Journalisten kritische Beobachter der Politik sein, den Mächtigen auf die Finger schauen, unangenehme Fragen stellen und manches zuspitzen, immer wieder auch provozieren, um sich Gehör zu verschaffen. Aber wir müssen das System, das wir kritisieren, kennen, die Vorteile ebenso wie die Nachteile, und uns bewusst machen, dass und warum Politiker nicht alles, was wir uns so ausdenken und wovon wir singen, auch umsetzen können. Das sind wir der Demokratie und auch der Kunstfreiheit, schuldig, wenn wir ernst genommen werden wollen. Ansonsten sind wir nicht besser als die, die wir „Populisten“ nennen.

David: Hannes Wader geht in wenigen Wochen auf Abschiedstournee. Auch wenn er womöglich noch die eine oder andere CD veröffentlichen wird, unser Land verliert mit Sicherheit die politische Liedermacherstimme… oder wie siehst du das?

Carsten: Dass Hannes im Herbst aufhört, finde ich schade, aber angesichts seines Alters auch verständlich. Das soll man erst mal schaffen, bis 75 jedes Jahr mehrfach auf Tournee zu gehen. Ich bin glücklich, dass wir uns ein paar Mal begegnet sind in den vergangenen Jahren, denn er gehört definitiv zu den Künstlern, die mich am meisten beeinflusst haben.

David: Machst du dir Sorgen um die Zukunft der Liedermacherszene?

Carsten: Nein. Es gibt junge Künstler wie mich und es gibt ein Publikum für uns, das ebenfalls nachwächst. Die Frage nach den musikalischen „Erben“ der „Großen“ wird sehr häufig gestellt. Wir brauchen Vergleiche wohl, in vielen Bereichen, um Neues für uns irgendwo einordnen zu können. Aber von Glorifizierung halte ich nichts. Früher war nicht alles besser, auch nicht musikalisch. Natürlich sind wir beeindruckt, wenn wir heute die Klassiker von Mey und Wader aufzählen. Nur: Wie viele davon gab es 1970 schon?…

Wader klang zu Beginn wie der deutsche Nachkomme von George Brassens, heute hat er seinen unverwechselbaren eigenen Stil, da sind wir wieder beim Thema. Aber er hatte eben auch Zeit, diesen eigenen Stil zu entwickeln. Diese Zeit sollte man uns Jungen ebenfalls zugestehen. Eigene Wege muss man nicht nur gehen, sondern immer wieder im Leben erst mal überhaupt finden. Dabei kann, darf und wird jeder sich auch mal verirren.

David: Und was muss man als junger, oder sagen wir besser nachrückender Liedermacher mitbringen, damit sich die Leute auch in 20 oder 30 Jahren noch an die eigenen Lieder erinnern?

Carsten: Gute Lieder setze ich einfach mal voraus. Danach sehe ich jeden, der auf die Bühne geht, vor allem als musikalischen Handwerker. Und die wirklich guten Leute sind sich der Bedeutung des Handwerks auch bewusst. Einfach, weil es eine Arbeitsgrundlage ist, die man braucht, um langfristig bestehen zu können. Wenn Du als Sänger nicht gut mit Deiner Stimme umgehst oder als Gitarrist mit Deinen Händen, stehst Du mit 75 nicht mehr auf der Bühne. Hannes Wader bezeichnet sich bis heute als „Amateur“. Das ist für mich reine Attitüde. Der Mann ist nicht nur einer der besten Gitarristen unter den Liedermachern, sondern hat bekanntlich auch klassischen Gesangsunterricht genommen. Mit mal eben zur Klampfe greifen und böse Lieder schmettern hat das alles jedenfalls nichts zu tun, auch wenn es gelegentlich dahingehend verklärt wird. Alle großen Liedermacher und Liedermacherinnen sind auf ihre Art solide Handwerker. Natürlich muss man nicht singen wie Wader, aber dann brauchst Du etwas anderes, was Du besonders gut kannst. Reinhard Mey ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, Konstantin Wecker ein guter Pianist und erstklassiger Interpret seiner eigenen Lieder. Jeder berührt das Publikum auf seine Art. Und am Ende machen wir die Musik doch fürs Publikum. Ich meine nicht, das man den Leuten nach dem Munde singen soll. Aber die guten Liedermacher können halt viel mehr als nur Schimpftiraden und schiefe Akkorde, das meine ich. „Wut und Zärtlichkeit“, wie Wecker es mal zusammengefasst hat. In Poesie gekleidet hat die Politik einen ganz anderen Stellenwert. „Die Mine“ von Hannes Wader zum Beispiel entfaltet ihre Wirkung auch durch das lässig-virtuose Gitarrenspiel. Durch diese musikalische Verharmlosung erscheint der Text noch bedrückender. Sowas meine ich mit gutem Handwerk.

David: Verzeih mir die fiese Abschlussfrage, aber sie drängt sich leider auf: Wo ordnest du dich ein in der Schar junger Liedermacher? Bist du gut genug, auf dass man sich auch in 20 Jahren noch an dich erinnert?

Carsten: 2012, unmittelbar nach Erscheinen meines ersten Albums, hat ein junger Musikjournalist geschrieben: „Sollte es dem Herrn gelingen, die launischen Gesetze der modernen Musikwirtschaft in den Griff zu bekommen, wird er ein Klassiker werden. Ganz fraglos.“ Weißt du, wer das war? (lacht)

David: Oh, ich bin mir nicht sicher. Es muss aber ein fraglos weiser Mann gewesen sein, wenn er derart weitsichtig ist. (lacht)

Carsten: Guter Mann! Danke Dir, David.

„Von Wegen“ – die aktuelle CD von Carsten Langner kann auf seiner Website bestellt werden. Am besten gleich HIER entlang.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. August 2017 von in 2017, 2017, Artikel & Interviews, Langner, Carsten, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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