Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Stellmäcke & Trotzband – Vérité et poésie

stellmaecke verite et poesie

von Bernd Pakosch

Um es vorweg zu sagen: Ich liebe dieses Album. Schon lange hat mich keine CD so auf Anhieb mit Witz, Tiefgründigkeit, musikalischem Reichtum und einem perfekten Sound positiv überrascht wie eben „Vérité et poésie“. Beachtlich – zumal in einer schnelllebigen Zeit bunter Belanglosigkeiten und Selbstdarstellungen. Vérité et poésie, Wahrheit und Dichtung und genau darum geht es auf diesem Album. Es sind kleine phantasievolle Geschichten mitten aus dem Leben und doch so ganz anders, unvorhersehbar und überraschend. Ähnlich wie Wenzel ist Stellmäcke auf der Gitarre und dem Akkordeon musikalisch zu Hause.

Produziert wurde das neue Werk im Studio „Der gute Ton“ von Mike Wappler, im Zusammenspiel mit seiner Trotzband. Diese Band ist gut aufgestellt, aufeinander abgestimmt und eingespielt. Sie bietet den perfekten Teppich, eine Art Weltmusik, worauf Stellmäcke beschwingt und leichtfüßig seine Geschichten erzählen kann. Das erste Lied, welches den Namen für dieses Album gab, erzählt die Geschichte eines Zauberers, der geheime Wünsche erfüllt. Dieser kleine Mann kennt nicht die Menschen, sondern nur ihre Wünsche und Gedanken. Und so verändern sich manchmal Situationen. Probleme lösen sich im Nichts auf.

Bei „Schlafwandler“, dem zweiten Lied, geht es um einen Mann, der im Schlaf jede Nacht über Dächer wandelt und tanzt. Jeden Morgen erwacht er neben seiner Freundin und erinnert sich an nichts. Im Traum ist er angstfrei und unterhält sich mit dem Mond. Doch im Alltag erinnert ihn seine mütterlich-besorgte Freundin an seine Schwächen. „Asyl“ ist für mich das stärkste Lied dieser CD, sowohl musikalisch als auch textlich. Es zeigt die Engstirnigkeit von Diktaturen und Religionen, die aus Angst vor Machtverlust alles Andersartige auszulöschen versuchen. Es zeigt aber auch die Schwäche von uns Menschen sich nicht entscheiden zu können und sich immer nach dem Nichtvorhandenen zu sehnen. Für die starken Bilder und harten Worte dieses Liedes genügt eine zarte Melodie. Gefühlvoll und meisterlich auf dem Klavier begleitet und gespielt.

Als ich das Lied „Banal“  zum ersten Mal hörte, war es wie ein Schlag in den Magen für mich. Hier macht sich einer über Herbert Grönemeyer lustig! Darf der das? Ich mag Grönemeyer sehr und gönne ihm seinen verdienten Erfolg. Aber zu einer guten Parodie gehört eben auch, dass man sich selbst nicht so ernst nimmt. Stellmäcke beweist dies, indem er am Ende des Liedes knallhart vom Mikrofon weg geboxt wird. Ich habe das Lied inzwischen oft gehört und muss doch jedes Mal lachen. Der eingespielte Beifall ist verklungen, die verzerrte E-Gitarre hat ihr rockiges Solo beendet und er steht immer noch vor dem Mikrofon und singt: too long, too long, too … und dann der Knockout.

„Der Rettungsschirm“ ist eine verrückte Geschichte über die Beziehung einer Frau zu ihrem Schirm. Schräge Wendungen und skurrile Pointen, die nicht in Blödelei abgleiten. Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Text und erzeugt sogar Verständnis für Mord. „Johnny“ – Stellmäcke kokettiert hier mit dem Charme des Chansonniers. Seine leicht verknarzt klingende Stimme setzt er gekonnt ein und spielt den Vagabund. Seine Version von „Johnny tu n’es pas un Ange“ verstehe ich als Hommage an Edith Piaf. Die Art wie er dieses Lied erzählt erinnert mich an Klaus Hoffmann, der mit „Brel“ einen ganzen Abend dem französischen Chanson widmete.

„Das schafft er nie“ ist ein Lied über einen Menschen, der sich ständig zu beweisen versucht. An den gefährlichsten und unmenschlichsten Orten dieser Welt setzt er alles auf eine Karte. Auf der anderen Seite hat er Angst sich mit sich selbst auseinanderzusetzen oder sich auf eine Beziehung einzulassen. Ein Held unserer Zeit. Musikalisch erinnert mich die Stimmung an „Riders on the storm“, den alten Doors Titel von 1971.

„Te saludo, mi amigo“ Ich grüße Sie, mein Freund. An dieser Stelle wird mir schmerzlich bewusst, dass ich dringend mein Spanisch verbessern muss. So verstehe ich leider nicht allzu viel. Aber das Lied erklärt sich natürlich auch so. Es geht um einen deutschen, ordnungsliebenden und gesetzestreuen Beamten. Er wird durch ein Schreiben aus dem andalusischen Gador dazu ermuntert, sein Leben radikal zu ändern und im Wohnwagen durch Spanien zu ziehen. Und so genießt er die beste Zeit seines Lebens. Ein Text mit Ansteckungsgefahr! Witzig und musikalisch perfekt umgesetzt. Es zieht mich nach Spanien.

„Lass mich bei dir sein“ – so traurig neigt sich dieses Album dem Ende zu. Klavier und Akkordeon bestimmen die sparsame Melodie und unterstreichen einen bildgewaltigen Text, der mich wieder zu Brel und Hoffmann entführt. Da heißt es: „geh nicht fort von mir“. Wenn am Ende des Liedes die Geräte abgeschaltet werden, ist klar, dass unbedingt noch ein glückliches Ende gebraucht wird. „Glückliches Ende“ ist die optimistischere Version von „Asyl“ und beschert uns dann auch wirklich ein glückliches Ende.

Also lassen wir’s dabei!

www.stellmaecke.de

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