Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Gerhard Schöne – Die Lieder der Briefkästen

Lieder der Briefkästen

Meisterlich vertonte Zeilen von großen und kleinen Persönlichkeiten

Gerhard Schönes „Lieder der Briefkästen“ (CD von 2012) berühren durch wunderbare Melodien und eindrückliche Texte

von Anne Drerup

Es ist die aktuellste von 32 CDs des ostdeutschen Liedermachers, UNICEF-Botschafters und Kinderbuchautors Gerhard Schöne: „Die Lieder der Briefkästen“ (2011/12), dessen Booklet Zeichnungen von Klaus Ensikat zieren. Dass es um den „Meister der leisen Töne“, der sich mit erzählerischer Gabe und mitunter schelmischem Humor für konkrete Themen begeistert, still werden könnte, besteht nicht zu befürchten: Denn mit jährlich ca. 100 Konzerten und vielfältigen Programmen verzaubert er auch weiterhin sein Publikum. Nicht nur als Sonderbotschafter der Initiative „Verbundnetz der Wärme“ lebt Gerhard Schöne seine Worte, er versteht seine Lieder als Lebenszeichen mit dem Ziel, „gegen alles, was Leben einschränken oder verhindern will, in uns und um uns herum“ anzusingen.

Und ebensolche Lebenszeichen sind festgehalten in Briefen, ob nun von berühmten Persönlichkeiten, unter Einfluss der Zeitgeschichte, mit Relevanz für unsere Gesellschaft oder auf privater Beziehungsebene, aus Kindersicht, Anekdoten festhaltend oder als Ratgeber für verzwickte Lebenslagen. Unter der Begleitung dreier brillanter Musiker – Stefan Kling (Piano), Karoline Körbel (Percussion) und Wolfgang Musick (Bass) – schlüpft Schöne in die verschiedenen Perspektiven und verschafft mit Melodien, die ins Ohr gehen, den Freuden, aber auch Kummer und Nöten großer wie kleiner Persönlichkeiten Gehör.
Dabei zeigt das ruhige Introstück „Wer?“ als Fragenkatalog zunächst die Vielfältigkeit und Ambivalenz des Briefeerhaltens und die Rolle des Briefträgers selbst: Auf ein leises, harmonisches Klavierspiel folgen anfangs ernste, schwermütige Zeilen über die schlechten Nachrichten, die per Post eintreffen, oder den Werbemüll, mit dem man überschüttet wird. Einzig mit Änderung der Stimme, auf die gleiche Melodie, singt Gerhard Schöne darauf von guten, lang ersehnten oder Erleichterung bringenden Nachrichten, um schließlich auf den Boten selbst einzugehen, der seinen Auftrag erfüllt, von der Wirkung, ob positiv oder negativ, aber nicht unberührt bleibt. Zwischentöne von einem Glockenspiel unterstreichen die besondere Atmosphäre. Natürlich gibt es aber auch Briefe, die erst gar nicht abgeschickt werden, sondern eher zur eigenen Gefühlsbewältigung dienen: So schreibt in „Brief an das Fischlein“ beschwingt und glückselig auf die Nachricht, ein Kind zu bekommen, die Mutter an ihr Ungeborenes, musikalisch umgesetzt als heiteres Jazzstück. Demgegenüber steht „Debora“, die ihrer Mutter durch das Briefeschreiben in Erinnerung bleibt, denn sie ist als Säugling verstorben. Das Stück geht auf tatsächliche Briefe zurück, die der Mutter Trost bringen und dabei helfen, trotz allem eine versöhnliche und positive Haltung zu gewinnen, gerade mit dem Vertrauen, dass die Beziehung über den Tod hinaus bestehen bleibt.

Die fröhlichsten und auf ihre Art besonders schelmischen Briefe, die im Briefkasten landen oder sich auf wundersame Weise verbreiten, stammen von Kindern und bringen die Zuhörer wahrhaft zum Schmunzeln: Da ist zum einen der „Ferienbrief“, eine Anekdote aus Schönes Kindheit, wo er von seinem Onkel in den Ferien genötigt wird, nach Hause zu schreiben. Das anfängliche Angebot, er könne dem Onkel diktieren, erweist sich im Nachhinein als große Blamage, denn der Onkel schreibt auch alle Zwischenkommentare auf, die für die Familie gar nicht bestimmt sind: „Schreib mal: Hier ist es sehr schön. Geht die Wanduhr richtig? Ich hab keine Lust mehr – stöhn!“ Ein beschwingtes Pfeifen unterstreicht die spitzbübische Grundhaltung, zum Abschluss bekommt das Schlagzeug ein fulminantes Solo. Dass man sich gegen die Erwachsenen mit Taktik wappnen kann und sollte, zeigt der „Geheimbrief“ (eines größeren Schülers an einen jüngeren, den man zwischen Buchseiten in der Schulbibliothek fand): Verschwörerisch gibt dieser Erziehungstipps im Umgang mit den Eltern, die meckern, natürlich mit dem Vorhaben, es selbst als Erwachsener ganz anders und besser zu machen. Wenn er damit ganz sicher gehen möchte, könnte er diesem Beispiel folgen: „Lene an Lene“ (inspiriert durch einen Brief, den Schönes Frau als Kind an sich selbst schrieb) beinhaltet glückliche Episoden aus der Kindheit, mit dem Wunsch, sich später daran zu erinnern, diese aufleben zu lassen und weiterhin ein „Glückskind zu sein“. Die fröhliche und eingängige Melodie des Stückes lässt dabei keinen Zweifel zu. Aus den Kindheitserinnerungen Astrid Lindgrens stammen die „Heubriefe“, die sie sich mit ihrem Bruder Gunnar schrieb. Im Refrain wird erzählt, wie die Kinder ihre Post übermitteln, da sie nämlich für Heuwagen Tore öffnen und sich darüber sowohl ein bisschen Taschengeld verdienen als auch Zettelbotschaften im Heutransport zukommen lassen können, während die Strophen die mit kindlicher Begeisterung und Neugier verfassten Nachrichten beinhalten. „Die Flaschenpost“ hingegen reicht von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter: nach 13 Jahren langer Reise kommt sie bei einer Frau an, die sich daraufhin Hals über Kopf in den Verfasser verliebt.

Liebesbriefe bilden überhaupt einen Schwerpunkt der „Lieder der Briefkästen“: Ob in dem Jazzstück „Puma“ (Erich M. Remarque an Marlene Dietrich in New York), dem barock klingenden „Liebesbrief“ (Adolfine Henriette Vogel an Heinrich von Kleist) oder bei der stimmungs- und sehnsuchtsvollen Rockballade „Rosa träumt“ (Rosa Luxemburg an ihren Liebsten Leo Jogiches), in der sich das Wiedersehen in allen Einzelheiten ausgemalt wird, während der Partner in der Ferne lebt. Im Kontrast dazu steht der Abschiedsbrief Tolstois an seine Frau kurz vor dem Tod: „Auf leisen Sohlen“ macht er sich aus seinem bisherigen Leben davon, das in den Strophen düster geschildert wird, während der Refrain einen stillen wie friedlichen Abschied vermittelt.

Wie sehr das Zuhause und die Familie zur Zeit des Militärdienstes vermisst werden, zeigt das schwungvoll vertonte „Meine kleine Mama“ von Antoine de Saint-Exupéry von 1922. In leichten Zügen schimmert hier schon ein Plädoyer gegen Krieg und Kriegsdienst durch, was in „Lieber Otto“ (Briefe ins Feld 1916) anhand eines Einzelschicksals zur Gewissheit wird: Die Briefe kommen zurück, denn Otto ist gefallen. Doch wofür? Das fragen sich auch die Soldaten der „Feldpost Flandern 1914“, die das Wunder des „kleinen Friedens“ zu Weihnachten im 1. Weltkrieg erleben: Das Singen von Weihnachtsliedern bringt die erbitterten Feinde zusammen, sie verstehen sich blendend und wissen doch, dass dieses Glück vergänglich ist, da es nur bis zum nächsten Kampfbefehl anhalten wird. Den größten Eindruck und eine nachdenkliche Stimmung hinterlässt jedoch „Beim Tütenkleben“, Julius Fuciks letzter Brief aus dem Gefängnis. Er verabschiedet sich darin selbstbewusst, mit der Gewissheit, etwas bewegt zu haben: „Der Mensch wird ja nicht kleiner, auch wenn sie ihn kürzen. Ein Kopf geht verloren. Es bleiben Ideen!“

Manchmal kann man sich aber auch die übertriebene Staatskontrolle zunutze machen und so den Spieß umdrehen, wie „Post nach Bagdad“ illustriert: Die Pointe der Geschichte sei an dieser Stelle nicht verraten, wohl aber, dass das Verletzen des Briefgeheimnisses eine wesentliche Rolle dabei spielt. In die Kategorie Erziehung und Maßregelung lassen sich „Mein Freund Pinoccio“ (Brief des späteren Papstes Johannes Paul I. für eine Zeitungskolumne als Brücke zur jüngeren Generation), der „Schmähbrief“, der im Rock ’n‘ Roll-Stil ein Coaching für Beleidigungen bietet sowie „Kommission gegen Pippi“ (Brief von Kritikern aus Basel 1952) einordnen. Letzterer macht die Pädagogen durch den spöttischen Tonfall allerdings ziemlich lächerlich, denn sie lehnen das Kinderbuch ab und widersprechen sich in ihren Argumenten nicht selten.

Schließlich kommen noch zwei Lieder zum Tragen, die die Liebe als solche besingen: Der tänzerisch vertonte „Brief an die Korinther“ (nach dem bekanntesten Paulusbrief aus der Bibel) sowie die „Briefe von Gott“, die alle kleinen und großen Freuden des Lebens als Liebesbekundungen Gottes an die Menschen schildern.

„Die Lieder der Briefkästen“ als CD wie auch Konzertprogramm ist Freunden guter handgemachter Musik und aussagekräftigen Texten, ob ernst oder humorvoll, nur zu empfehlen. Im digitalen Zeitalter mag manch ein Schreibbegeisterter die Lust verspüren, die Tastatur gegen einen Füllfederhalter einzutauschen. Er mag sich überlegen, wann er den letzten richtigen Brief geschrieben hat und ob es nicht wieder Zeit dafür wäre – als Lebenszeichen, um anderen eine Freude zu machen oder um Wichtiges aus dem eigenen Leben zu verarbeiten. Gerhard Schöne ist es meisterlich gelungen, die Zeilen kleiner und großer Persönlichkeiten in Lieder umzuwandeln.

Tourdaten sowie eine Diskographie finden sich unter www.gerhardschoene.de , wer sich außerdem für die einzelnen Texte interessiert, ist mit www.buschfunk.com/kuenstler/liedtexte/1_Gerhard_Schoene gut beraten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: