Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„…dass nach dem Fallen auch wieder das Aufsteigen kommt“ – Masha Potempa im Lorbeerblatt-Interview

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Ein Gastbeitrag von Kai-Olaf Stehrenberg / Fotos: Yuli Gates

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL)  Hallo Masha! Lass uns doch zu Beginn dieses Interviews einmal auf Deine Anfänge zurückschauen. Laut Deiner Internetseite – www.mashapotempa.de – hast du schon von klein auf Musik gemacht und Dein Wunsch, eigene Lieder und Gedichte zu schreiben, wurde auf Segelfreizeiten geweckt. Kam dieser Prozess schleichend, oder gab es für Dich den einen Moment, an dem es sozusagen Klick gemacht hat?

Masha Potempa (MP)  Musik war schon immer sehr wichtig in meinem Leben. Dazu kam meine Liebe für Sprache und Gedichte. Es gab nicht den einen Moment, aber es lief von vielen Seiten darauf hinaus. Auf Segelfreizeiten haben wir abends immer zusammen gesungen, und jemand hat die Lieder auf der Gitarre begleitet. Das war vor allem der Initialzünder für mich, auch Gitarre zu lernen, um mich leichter begleiten und dazu singen zu können. Das ging erst einmal schneller und einfacher als mit dem Klavier oder dem Akkordeon und passte damals besser zu meinem Musikgeschmack. Ich hatte dann sehr viel Freude, neue Lieder zu lernen, und irgendwann habe ich dann auch meine eigene Dichterei eingebunden. Dann bin ich bei Schulvarietés aufgetreten und später auf offenen Bühnen in Berlin. Wenn es einen Klick gab, dann war das 2011, als ich bei der SAGO-Akademie für Musik und Poesie von Christof Stählin aufgenommen wurde. Dort habe ich gesehen, wie man sein Leben der Musik widmen kann und was man mit Worten noch alles Schönes schaffen kann. Von da an wusste ich, dass ich auch mein Leben danach ausrichten möchte und habe meine anderen Interessen zurückgestellt.

EAL  Wie alt warst Du damals?

MP  Die Segelfreizeiten waren in meiner Jugendzeit – Gitarre hab ich vielleicht mit 14 angefangen.

EAL  Hatten Deine ersten Lieder schon einen ähnlichen Stil wie den, in dem du heute schreibst, oder hast Du Dich zunächst in einem anderen Genre versucht?

MP  Kann man glaube ich so sagen, auch wenn sich die Lieder schon stark verändert haben. Ich habe einfach immer drauflos gesungen und geschrieben und nicht versucht, mich in einem bestimmten Genre zu verorten, sondern einfach das zu machen, was ich mag.

EAL  Chansons und Liedermacherei sind ja ein sehr ungewöhnliches Metier für einen damals noch sehr jungen Menschen. Wie kam es, dass Du Dich gerade an dieses Genre herangewagt hast?

MP Der Text war mir schon immer sehr wichtig bei Liedern, und ich habe oft genau hingehört. Ich mochte dann Bands, die sich trauten, in der Muttersprache zu singen und die dem Text auch eine größere Bedeutung zukommen ließen. Ich liebte auch die Lieder von Leonard Cohen und Folk aus aller Welt, aber auf Deutsch erreichte es mich gleich mit einer großen Direktheit. Und weil ich momentan keine Band habe, ist es wohl Liedermacherei – ich glaube das kommt schon allein dadurch, dass ich meist alleine zur Gitarre (oder zum Akkordeon) singe.

EAL  Deine Lieder haben eine sehr bildgewaltige Lyrik, die hin und wieder mehrere Interpretationen zulässt. Haben Deine Texte für Dich einen sehr eindeutigen Bezug, oder hast Du sie bewusst so verfasst, dass sich jeder seine eigene Geschichte daraus ziehen kann?

MP Für mich ist vor allem wichtig, ein Gefühl, eine Stimmung oder einen Gedanken möglichst genau einzufangen. Für mich hat alles eine Bedeutung in den Liedern. Wenn dann jeder dazu seine eigene Geschichte sieht, ist das wunderbar, dann hat es geklappt.

EAL Wenn Du es Dir aussuchen könntest: Wie würde für Dich das perfekte Publikum aussehen? Wie sollen die Zuhörer an Deine Lieder herangehen?

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MP  Also, Aussehen ist jetzt erstmal nicht so wichtig, ich seh ja meist nichts durch die Scheinwerfer.
Nein, im Ernst, ich bin sehr glücklich mit meinem Publikum. Meist habe ich sehr nette, einfühlsame Leute, die aufmerksam zuhören. Wenn ich es schaffe, eine Verbindung herzustellen, dass wir gemeinsam durch den Abend reisen und ich merke, dass sie bei mir sind, in den stillen wie in den lauten Momenten, dann ist das ein tolles Gefühl. Wenn sie dann auch noch mitsingen und mir am Ende ein Strahlen und ein paar warme Worte schenken, bin ich ein sehr glücklicher Mensch.
Also es sind keine besonderen Voraussetzungen nötig, vielleicht ein wenig Neugierde und Offenheit, aber eigentlich sollte die Musik die Brücke schlagen.

EAL  Du wohnst seit einiger Zeit in Berlin. Hat dies für dich besonders musikalische Gründe?

MP  Ja, damals hat mich Berlin vor allem wegen der vielen Möglichkeiten gereizt und wegen der Ahnung, dass hier die Kunst und Kultur eine großzügige Heimat hat. Die hat es auch, aber es gibt natürlich auch ein großes Überangebot und eine Sättigung. Mittlerweile habe ich hier aber einfach sehr viele liebe Freunde und Kollegen um mich herum, das hält mich hier.

EAL  Berlin ist übrigens auch ein gutes Stichwort für Deine EP. Darauf enthalten ist ein Lied, das „Ach, Berlin“ heißt. Und ich muss sagen, dass dies für mich eines der schönsten Lieder ist, die ich bisher über Berlin gehört habe. Denn Du hast es geschafft, die Stadt so zu beschreiben, wie ich sie als bekennender Nicht-Berliner auch wahrnehme. Das Lied ist weder eine euphorische Lobeshymne noch ein hämischer Verriss, sondern schafft es charmant, die verschiedenen Seiten der Stadt mit Deiner fast schon verspielten Wortwahl sehr lebendig und menschlich darzustellen. Eine Sache ist mir an dem Lied aber noch besonders aufgefallen. Für mich haben Städte etwas sehr Sächliches. Du schilderst Berlin aber in durch und durch weiblichen Zügen. Das finde ich persönlich sehr spannend. Hast Du Dir dabei etwas Besonderes gedacht?

MP  Erstmal vielen Dank für die lieben Worte, das freut mich. Gute Frage. Irgendwie war es stimmig, dass Berlin weiblich ist, aber ich finde die Eigenschaften, mit der ich die Stadt beschreibe, jetzt nicht explizit weiblich.

EAL  In einem anderen Lied schilderst Du in sehr schönen Bildern eine Stadt aus der Ferne, die Du in dem Lied aber nicht näher benennst. Hattest Du hier eine spezielle Stadt im Sinn?

MP  Ja, damals habe ich ein Studienjahr in der spanischen Stadt Salamanca verbracht, das war eine sehr inspirierende Zeit.

EAL  Der Titel Schnee ist einer meiner Favoriten auf der EP, er hat eine dichte, wohlig melancholische Atmosphäre, die sofort unter die Haut geht, der sehr lyrische Text macht es aber schwer, seine Bedeutung voll zu erfassen. Hast du Lust, uns etwas über die Entstehung des Liedes zu erzählen?

MP  Das Lied entstand auch in Spanien, wo es tatsächlich einmal geschneit hat, als ich da war. Es ist für mich nicht nur ein Liebeslied, sondern es geht auch um die Kreisläufe des Lebens und das Vertrauen, dass nach dem Fallen auch wieder das Aufsteigen kommt.

EAL  Insgesamt hat Deine EP vier wunderschöne Lieder. Auf Deiner Homepage finden sich allerdings noch viel mehr Songtexte. Nach welchen Kriterien hast Du Dir denn die Lieder für die EP ausgesucht?

MP
Vielen Dank! Ja, das war keine leichte Entscheidung damals. Die EP war eine Projektarbeit über den Berlin Music Campus und war deshalb leider von Anfang an auf vier Lieder begrenzt. Aber wenn man zum ersten Mal so ein großes Projekt stemmt, ist eine Eingrenzung wahrscheinlich auch nicht ganz verkehrt. Ich glaube, im Endeffekt sind es einfach die zu der Zeit aktuellsten Lieder geworden.

EAL  Kann man demnächst auf ein ganzes Album von Dir hoffen?

MP  Auf jeden Fall! Gerade will ich mich aber noch mehr aufs Live-spielen konzentrieren und plane eine Tour fürs nächste Jahr. Das Album ist dann aber eins der nächsten Projekte.

EAL  Wann und wo kann man Dich das nächste Mal live auf der Bühne sehen?

MP  Mein nächster Auftritt ist am 22. September bei der Langen Nacht der Poesie in Rheda-Wiedenbrück. Dann bin ich bei einigen Lesebühnen und Poetry Slams zu Gast. Das nächste Abendfüllende Konzert spiele ich dann in Begleitung von Karl Neukauf im schönen Zebrano-Theater Berlin am 18.11.

EAL Vielen Dank für das wirklich sehr schöne Interview!

Zur CD-Rezension von „Rauchschwalben am Horizont“: HIER entlang.

Cover-Rauchschwalben300

2 Kommentare zu “„…dass nach dem Fallen auch wieder das Aufsteigen kommt“ – Masha Potempa im Lorbeerblatt-Interview

  1. Masha Potempa
    3. Oktober 2017

    Hat dies auf Masha Potempa rebloggt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2017 von in 2017, Artikel & Interviews, Potempa, Masha, Uncategorized und getaggt mit , , , .
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