Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Christoph Theußl – Antilogie 1 (2012)

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von David Wonschewski

Geben wir es ruhig einmal zu: Auch wenn wir Deutschen abseits jeglicher Wintersportarten eher selten das Gefühl haben unseren Nachbarn, den Österreichern, irgendwie heftig hinterherzulaufen, so gibt es doch zumindest eine Form des Liedermachens, derer sich nicht einmal die formvollendeten bayerischen Musiksolisten bemächtigen können. Und gerade die sind für manch Nordlicht (a.k.a. „Preußen“) nun ja bekanntlich schon „so gut wie“-Ösis.

Nein, für jene pikante Mischung aus bitterem Ernst, schwärzestem Humor und fast schon perfider Alltagsschilderung, ja, da muss ein Musiker wohl schon glasklarer Österreicher sein, um diesen Stil auch so richtig ans Blühen zu bekommen. Oder eben auch ans Darben, ans Dahinsiechen oder ans Verrecken, um im passenderen Bild zu bleiben. Ludwig Hirsch und Georg Danzer sind legendäre Paradebeispiele für diesen entlarvenden Humor, der sich auch schon zwischen den ätzenden und misanthropischen Zeilen eines Thomas Bernhard finden ließ, so man es denn ertrug, ihn gerade dort zu erhaschen. Und Christof Theußl, tja, der steht dieser, – nennen wir es durchaus einmal „traditionellen Tugend“ – in nichts nach.

Natürlich sind österreichische Liedermacher auch deswegen bisweilen so wirkungsvoll, weil die Eleganz ihres Dialektes auf eine Weise mit derben Sätzen korreliert, die für deutsche Musiker per se kaum zu erreichen ist. Denn auch in tiefster Larmoyanz noch edel daherzukommen, das bringen halt nur Österreicher fertig, während es bei Deutschen leicht in Wehleidigkeit strandet, so sie nicht etwas poetischer um den heißen Brei herum fabulieren.

Wie immer dem nun auch sei, dass Theußl jedenfalls relativ gerne einen „Negerarsch“ hätte, das weiß er im Song „Die Eia vom Johann Strauss“ wiederholt zu erwähnen. Und weigert sich bei aller Simplizität des Sujets ganz einfach, dabei auch nur im Ansatz seicht, dämlich oder doch zumindest platt zu erscheinen. Nein, das muss man dem Filmemacher und Performancekünstler tatsächlich lassen, seine Gossenphilosophie (in der er ab und an den einfach-verschrobenen Alltagsbeschreibungen eines Funny van Dannen ähnelt) greift selbst in den Momenten, in denen es doch eigentlich strunzdoof werden müßte. Doch Fremdschämen findet bei einem wie Theußl überraschender Weise einfach nicht statt, was wohl auch darin begründet ist, dass er sich nur selten von seinem desillusioniert-schleppenden Erzählduktus löst. Uptempo ist ganz eindeutig nicht das Metier des Christof Theußl, eine betonte Lahmheit charakterisiert seine Songs, die hier jedoch keinesfalls mit Langeweile gleichzusetzen ist: „Wozu überhaupt noch aufregen, es ist halt wie es ist“ scheint die Maxime des Österreichers zu sein. Nicht die schlechteste Gangart, gelingt es ihm doch tatsächlich genau auf diese Weise, sich immer wieder weit über manchen selbsternannten und ungestümeren „Protestsänger“ zu erheben.

„Pleite Bealin“ ist dabei genau die Antihymne auf die deutsche Hauptstadt, die längst überfällig gewesen ist und die vielleicht auch nur einem Exilberliner wie eben Theußl hat gelingen können. Ein Gefühl von verbal-akustischem Hausfriedensbruch will sich hier zunächst einstellen, so sehr ist dieser Song (nur und gerade aus dem Mund eines Österreichers) eine Frechheit, auch der Begriff des „Nestbeschmutzers“ bahnt sich bereits emsig seinen Weg – bis Theußl jegliche Idee von Empörung gerade dadurch pulverisiert, dass er Wowereits längst berühmten, aber nun auch wahrlich sehr dämlichen Leitspruch entzaubert, wonach Berlin „arm, aber sexy“ sei.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Eröffnungstrack „Du bist so deutsch zu mia“, ein gerade durch seine fehlende Nettigkeit und nicht vorhandene Zärtlichkeit unglaublich naher und zutreffender Song, der vermeintliche deutsche Tugenden entlarvt, ohne sie zugleich einer allzu großen Lächerlichkeit preiszugeben. Überhaupt: Plump und arrogant ist Theußl nie, auch nicht besserwisserisch oder gar mit dem wohlbekannten erhobenen Zeigefinger unterwegs. Denn gerade dafür ist er – Bernhard und Hirsch lassen grüßen – viel zu zerrissen und selbstkritisch. „Liebe in Österreich“ spielt mit den Klischees, die es über Österreicher gibt und die – huch – offenbar eben keine Klischees sind, während das nicht nur sehr ehrliche, sondern auch sehr wahre „Fremdbefriedigung“ so heftig unter die Gürtellinie geht, dass am Ende niemand so nackt und entblößt dasteht wie Theußl selbst. „Autodiktatua“, vielleicht der beste von vielen herausragenden Songs, spielt mit dann eben auch jener Zerrissenheit, die in uns allen herrscht und die – den Bogen vom Mikro- zum Makrokosmos bekommt Theußl tatsächlich spielend hin – der Hauptgrund ist, warum wir Menschen nicht nur mit uns selbst, sondern auch miteinander nur schwerlich klar kommen.

„Antilogie 1“ – eine Zusammenstellung der besten Theußl-Songs aus den vergangenen 5 Jahren. Ätzendes und bitter-bissiges Liedgut, wie es effizienter derzeit kaum zu bekommen sein dürfte.

Über den Autor:

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

 

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