Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Nadine Fingerhut – „Karussell“ (2017)

FIngerhut_Karussell

von David Wonschewski

Fangen wir betont subjektiv an. In meinem Fall also: latent griesgrämig. Musiker, die zuvorderst Mutmach-Lieder mitsamt einem Dauerfeuer an „positive thinking“-Parolen auf der Pfanne haben, die nerven. Und das nicht zu knapp. Ja, oder nicht? Schwierig, einen eingefahrenen Geschmacks-Geist wie mich in dieser Grundannahme noch umzustimmen.

Womit wir bei Nadine Fingerhut angelangt wären, die mit „Hallo Leben“ im November 2015 ihr Debütalbum ablieferte. Eine Platte, auf der erdiges, handgemachtes Songwriting auf eine Überdosis an just jener „positive thinking“-Attitüde traf – und an eben diesem Zwiespalt zu zerbrechen drohte. Das grundsätzliche Talent der Hessin war nicht zu überhören. Und doch erschien es einige Male zu oft, als schlügen hier zwei künstlerische Herzen in ihrer Brust. Ging der Wunsch sich möglichst tiefsinnig zu geben eine punktuell unheilvolle Verbindung ein mit dem Bedürfnis, zugleich sämtliches Leid der Welt in bewusst plakativem Frohsinn zu ertränken. Ein artifizieller Zwiespalt, der gerade auf Debütplatten keineswegs selten ist. Braucht es doch selbst die größten Musiker das ein oder andere Album, einen eigenen, einen rundheraus ehrlichen Stil zu entwickeln.

Ein Stil, den Nadine Fingerhut, es darf vorweggenommen werden, mit ihrem zweiten Album „Karussell“ nun gefunden hat. Ja, sie hat hörbar an einigen Stellschrauben gedreht, ihren Texten die ein oder andere Zerrissenheit, die ein oder andere Düsternis gegönnt. Und zugleich ihrem auf dem Debüt noch etwas vorhersehbarem Instrumentarium bedeutend mehr Auslauf gegegeben.

NadineFingerhutbyEva-MariaSchmidt

Gleich der Eröffnungstrack „So viel mehr“ macht klar, was sich geändert hat in den zurückliegenden knapp zwei Jahren. Eine prototypische Uptempo-Nummer ist das Stück geworden, mit seinen dreieinhalb Minuten Spielzeit fraglos auf Radio gedrillt – und auch tatsächlich wie geschaffen dafür im Autoradio auf dem Weg zur Arbeit laut aufgedreht zu werden.

Du hast scheiße geschlafen / und du verschüttest den Kaffee / das Leben scheint dich zu bestrafen / es tut dir immer wieder weh“

Und dann rein in den von luftig-leichtem Pianospiel begleiteten Refrain, und jetzt alle!:

Es gibt noch so viel mehr, es gibt noch so viel mehr / so viel mehr als du jetzt siehst“

Das ist nicht nur cleverer gedacht und gemacht als Namika’s attitüdenähnlicher Überhit „Lieblingsmensch“, sondern zudem faszinierender produziert, mitsamt aus gar nicht mal so heiterem Himmel hereinplatzendem Buschtrommelspiel, kurz vor Ende.

Sicherlich, eine Storytellerin vor dem Herrn wird Nadine Fingerhut mit Nummern wie „So viel mehr“ oder dem sich anschließenden „Der Sommer wär‘“ nicht mehr werden. Dafür liegt ihr Fokus zu sehr auf der Schilderung von Befindlichkeiten, die sie dem Hörer in gutverknüpften Sprengseln serviert. Und doch: So sehr sie mit ihrem angerockten Pop auch Platz nimmt im Mainstream-Einerlei, Ihr Recht als authentische Liedermacherin wahrgenommen zu werden verteidigt sie mit den neuen Liedern nicht nur, nein, sie untermauert es sogar. Dafür sorgt gleich ein ganzes Bündel an Zeilen, das reflektiert genug daherkommt, dass selbst ich es mir lieben Menschen auf Grußkarten schreiben möchte. Gerade ein Song wie „Der Sommer wär‘“ zeigt dabei, dass Fingerhuts Talent nicht unbedingt darin liegt sich und ihren Hörern neue philosophische Welten zu erschließen. Sondern von der Menschheit brutal abgegraste Gedankensteppen mit neuem Stolz zu versehen:

„Manchmal muss ich mich verlieren, um mich selbst neu zu finden / manchmal muss ich dich verlassen, um dir näher zu sein / manchmal muss ich erst blind sein, um dann wieder zu sehen / und ich muss mich erst bewegen, um mal stehen zu bleiben / Der Sommer wär‘ niemals so warm, wenn der Winter nicht so kalt wär / wär‘ das Leben unendlich, was wäre es uns dann noch wert?/ wäret ihr niemals traurig, was würde Glück dann bedeutet / hättest du keine Wunden und Fehler, hätt‘ ich dich nie so verehrt“

Natürlich gibt es sie noch immer, jene durchweg positiven Songs, die angetan sind einem Griesgram wie mir die Fußnägel nach oben zu krempeln. So hört man in „Auf dem selben Planeten“ wie Nadine uns lehrt:

„Wir leben alle auf demselben Planeten / unter demselben Himmel, unter demselben Mond zur gleichen Zeit / wir sind verschieden und sind uns doch so ähnlich / schenk‘ mir ein Lachen, weil ein Lachen uns vereint“

Ein Refrain, der sich liest wie frisch abgepauscht aus einem Kleinmädchen-Poesiealbum. Und doch seine Wirkung nicht verfehlt, gelingt es ihr Nadine Fingerhut nunmehr selbst mit derart simpel gehaltenen Zeiten zu überzeugen – indem sie sie in einen hochkomplizierten Kontext, in diesem Fall die Flüchtlingskrise, setzt.

Nein, fehlenden Mut sich den düsteren Seiten des Lebens zu widmen, den kann man Nadine Fingerhut wahrlich nicht mehr vorwerfen. Die Akustik-Ballade „Magneten“ besingt das doch eigentlich kaum in Worte zu fassende Ende einer Beziehung, aus der mit den Monaten und den Jahren schlichtweg sämtliches Gefühl gewichen ist. Während das introspektive, klanglich gleichermaßen bedrohlich wie verschwindend aufgezogene „Tiefer als das Meer“ gar einen Hauch von Endzeit und Armageddon versprüht.

Und selbst ein Song wie „Schön“, der sich textlich betrachtet bestens in die Songs auf dem Debüt „Hallo Leben!“ eingereiht hätte, wartet mit einer im besten Sinne launigen, einer gekonnt nah am Country-Pop entlangtänzelnden Produktion auf, der sich das Radio ebenfalls kaum wird entziehen können.

Was bzw. wer also ist diese Nadine Fingerhut, wie sie sich Ende 2017 präsentiert? Nun, vielleicht lässt sich das, was die tätowierte und nasengepiercte Mutter eines Sohnes dort vollbringt mittlerweile am besten vergleichen mit dem Schaffen eines großen deutschen, ein wenig in Vergessenheit geratenen Liedermachers: Wolf Maahn. Dass Nadine Fingerhut das Glück hatte mit dem längst legendären Kölner die Bühne zu teilen, kann mittlerweile auf youtube (man klicke HIER) nachbewundert werden. Und sollte es auch, bezeugt dieser Clip doch nicht nur, über welch‘ stimmliche Qualitäten Nadine Fingerhut verfügt. Sondern welchen klanglichen Masterplan sie und ihr Produzent Frank Wesemann fraglos verfolgen. Soulrockliedermacher wäre hier wohl das musikjournalistische Schubladenwort. Und „Karussell“ ein Album, das in der aktuellen deutschsprachigen Musiklandschaft mit Sicherheit seinesgleichen sucht. Und das nicht nur Wolf Maahn-Fans erfreuen wird.

Reinhören in „So viel mehr“: HIER.

Zur Website von Nadine Fingerhut: HIER.

Foto: Eva-Maria Schmidt

Über den Autor:

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. November 2017 von in 2017, Fingerhut, Nadine, Uncategorized und getaggt mit , , .
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