Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Lennart Schilgen – „Engelszungenbrecher“ (2017)

Engelszungenbrecher-Cover

von David Wonschewski

Eigentlich möchte man Lennart Schilgen erstmal auf die blöde Tour kommen. Denn richtig ist, dass er mit „Shouter“ – ein satirisches Stück über einen Frontmann einer Black Metal Band – einen veritablen Kleinkunsthit geschrieben hat. Das aber leider vor Fehlern nur so strotzt. Denn dass sich Black Metal Bands vor allem mit „Gedärmen“ auseinandersetzen, mag zur Pointe taugen, strotzt de facto jedoch vor Unkenntnis über die inhaltliche Tiefe dieses häufig so unverstandenen Genres. Wie auch der Begriff „Shouter“ als solcher zwar keinesfalls falsch gewählt, aber in Genrekreisen komplett unüblich ist. Man gebe zur Überprüfung einfach einmal die Begriffe „Shouter“ und „Black Metal“ in die geheiligte Suchmaschine ein – anstatt ein who is who potentieller Szenegrößen erhält man vor allem Verweise auf Schilgen, was ebenfalls nicht für die Recherchefähigkeit Schilgens spricht.

Leider aber, und hier bekommen wir den Turnaround hin, ist das Stück dennoch gut und keineswegs an den Haaren herbeigezerrt, steckt in jedem Ruf nach Gewalt doch auch eine Quäntchen Hoffnung auf Zärtlichkeit, wie von den Ärzten („Schrei nach Liebe“) bis hin zu der ungestümen Hardrock-Combo Kansas („Dust In The Wind“) unfehlbar belegt ist. Exakt diese Diskrepanz ist es, mit der Schilgen gekonnt spielt, diesem Zwiespalt aus Schein und Sein, aus Wirken und Sehnen.

Schilgen, der fraglos in die Phalanx der Liedkabarettisten einsortiert werden kann, lebt hier – und in weiteren Stücken seiner CD „Engelszungenbrecher“ – vor allem davon, dass er eher brav aussieht und zu einer tatsächlich engelshaften Stimmerhöhung fähig ist, all das aber hemmungslos auf auf all das krachen lässt, was man ihm im ersten Schritt gar nicht zutrauen möchte. Und im zweiten Schritt sich nicht einmal selbst zutraut, egal um wieviel wilder man womöglich ausschaut, um wieviel gegerbter das eigene Organ. „Revolution“ ist so eine Nummer, die dem Bewusstsein vieler Kleinkunstbesucher noch besser auf die Schliche kommt als der „Shouter“. Schon Konstantin Wecker hatte sich an dem Versuch verhoben einem Lied diesen Titel zu geben, im Gegensatz zu ihm bringt Schilgen das Stück aber vorsätzlich zum Kentern, entlarvt die Behaglichkeit in uns, die uns denken lässt wir wären bereit, derweil wir doch nur in unseren Sesseln sitzen bleiben.

Die CD, die live in Sebastian Krämers Zebrano-Theater aufgenommen wurde, zeigt sehr klar, was Schilgen, der mit seiner Band „Tonträger“ längst arg gut ausgebuchte Shows an fulminanten Orten wie der „Bar Jeder Vernunft“ fährt, über eine erträgliche Lust an Interaktion mit dem Publikum verfügt. Und an der Lust sich nicht in formale Korsagen pressen zu lassen, zwischen Lyrik, Lied, Anspruch und Comedy umherzuspringen.

Er kann das, Schilgen live zu erleben ist eine der besseren Ideen, die ein Mensch im Laufe des Jahres haben kann. Der Mann tut das, was man von ihm erwarten sollte, er unterhält, bestens. Im Liedermacher-Kontext aber fehlt den Songs oftmals doch die Tiefe. Selten überrascht Schilgen so gekonnt wie in „Lea“, dessen Refrain-Pointe hier nicht vorweggenommen werden soll. Und selten noch beweist er wahren Mut.

Richtig gut wird er dann, wenn er einen ausgetretenen Pfad neu beschreitet. „Kinderlied“ heißt ein Song, der davon handelt inwiefern wir Kindern bei Ihren eigenen „Versuchen“ gut zureden anstatt ihnen schonungslos zu gestehen, wie unzureichend das alles doch ist. Sebastian Krämer hat bereits einen nahezu perfekten Song dazu („Du hast einen Drachen für mich gebaut“), Falk überdrehte es mit seinem eigenen „Kinderlied“ um diverse Groteskstufen – Lennart Schilgen trotzt dem Thema, man glaubt es kaum, noch eine Nuance ab. Es ist exakt dieses Lied, weit hinten „versteckt“, das zeigt, dass Schilgen die in ihm veranlagten Entertainer-Qualitäten durchaus mit Songs zu füttern wüsste, die Gedankengrenzen sprengen. Man darf hier nicht vergessen dass Schilgen erst 28 ist und bisher im Bandformat seiner „Tonträger“ auftrat – mehr von dem Mut, den er in Song wie „Kinderlied“ beweist, wird ihn locker zu Größerem führen.

„Engelszungenbrecher“ ist ein ziemlich cooles Album für Genre-Freunde, die nacherleben wollen wie der holperige Aufstieg von einem begann.

Über den Autor:

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Dezember 2017 von in Schilgen, Lennart, Uncategorized und getaggt mit .
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