Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Achim Amme – „Streng vertraulich! Kellerlieder“ (2017)

von David Wonschewski

Mit „Nichts und Niemand“ geht es düster los. Ein dunkler Spannungsbogen bahnt sich in des Hörers Ohr: „Du bist ein Niemand bis dich jemand liebt, du bist ein Nichts bis sich etwas ergibt“ raunt Amme mit tiefem, nein tiefstem Organ – bevor er das Stück, begleitet von einer helleren Zweitstimme, in ein bedrohlich durch öden mexikanischen Wüstensand trabendes Showdown-Korsett zwängt, das jedem Spagetti-Western gut zu Gesicht stünde. Ein mutiger, in seiner fast an den Brechreiz durchexerzierten Dunkelheit aber auch amüsanter Aufgalopp.

Wesentlich beschwingter, jedoch noch immer mit leichte Spannung erzeugenden Country-Anleihen durchsetzt, geht es in „Zeit für Veränderung“ weiter. Textlich ein höchst misanthropisch gehaltenes Stück über die Qual des Lebens, das die Seele in seinen Strophen fast schon kafkaesk darnieder ringt, bevor es im befreienden Mitsing-Refrain dazu aufruft, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sich nicht kaputt machen zu lassen, egal von welchem Leid. Keine Frage, Amme besitzt ein Händchen für feine Melodiebögen, die gekonnt an der Grenze zur Einfachheit entlangtänzeln und dabei nur höchst selten ins Platte, womöglich gar Schlagerhafte hinüberfallen.

„Ruth“ ist ein solches Lied, das eine erste Schwachstelle des Albums ausmacht und nach den faszinierenden, gekonnt zwischen Beklemmung und Befreiung changierenden ersten Stücken nicht recht zünden mag. Die Nummer lebt ausschließlich davon, dass wir erfahren welche deutschen Wörter über ein langes „u“ verfügen, auf dass sie sich prima auf den Vornamen „Ruth“ reimen lassen. Gut möglich, dass auch dieses Lied live ein wahrer Mitgröhl-Kracher und Stimmungsmacher ist – eine Überlegung, die dadurch untermauert wird, dass Amme noch eine zweite „Cavern Version“ von „Ruth“ ans Ende seiner Veröffentlichung gepackt hat. Dass Amme mit seinen „Kellerliedern“ jüngst für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert worden ist, wird jedoch mit Sicherheit nicht an Stücken wie „Ruth“ oder dem seltsam ziellos vor sich hin mäandernden „Jeder Mensch braucht einen Engel“ liegen.

Nein, Amme, der schon auf seinem Longplayer „Der Welt ist schlecht“ (2011) als meisterhafter Chansonnier misanthropischer Gedanken auftrat, läuft immer dann zur Hochform auf, wenn er sich mit Anlauf in die negativen Seitens des Lebens werfen, diese mit satirischer Tiefsicht sezieren und schließlich in sein Füllhorn an wunderschönen Melodien tunken darf. Begibt er sich hingegen auf positivere Text-Pfade, so braucht es schon besonders pfiffiger Einfälle, um jener Verflachung zu entgehen, der „Ruth“ anheimfällt. „Vergiss Venedig!“ ist ein solches Stück. Romantisch verklärt es eine in einem Zugabteil verbrachte Liebesnacht, vermeidet es jedoch auch nur im Ansatz darauf einzugehen, was im Anschuss daran, am vermeintlichen Zielort Venedig, der Stadt der Liebenden, Katastrophales passiert sein mag, so dass Amme lieber von der Zugfahrt dahin schwärmt als vom Aufenthalt als solchem. Es ist Stephan Remmlers Beziehungskiller-Hit „Keine Sterne in Athen“, den wir hier fies grinsend aus der Ferne zu uns herüberwinken sehen.

Nicht unterschlagen werden sollte, dass Amme in seiner Song-Melange aus spielfreudigen, oftmals nah am Country-Pop angesiedelten Griesgram-Nummern und etwas einfacher gehaltenen Mitsing-Stücken auch Lieder bereit hält, die sich gekonnt einer schnellen Deutung entziehen, wieder und wieder gehört, entschlüsselt werden wollen. „Zwei in einem Boot“, im hinteren Teil der Platte fast ein wenig versteckt, gelingt das Kunststück in simpler Komposition, mit wenigen Worten und in einfacher Bildsprache den Code eines jeden Beziehungsdramas zu knacken:

Zwei in einem Boot, liebten sich zu sehr / zwei in einem Boot, trieben aufs offene Meer // zwei in einem Boot, kämpften um das Ruder / zwei in einem Boot, Schwester und Bruder

Ein überwiegend beschwingtes, vor allem in seiner nah am Country-Pop gehaltenen Produktion sehr erfreuliches und aufsehenerregendes Album. Gut, das ein oder andere Lied seiner 15 Stück starken „Kellerlieder“ hätte Amme durchaus in eben jenem Keller liegen lassen können und seinem Werk damit eine noch größere Geschlossenheit, um nicht zu sagen „Hit-Dichte“ ermöglicht. Ob genau das aber überhaupt so wünschenswert ist, steht selbstredend auf einem ganz anderen Blatt.

Über den Autor:

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Januar 2018 von in Amme, Achim, Plattenbesprechungen, Uncategorized.
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