Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das große EAL-PingPong-Gespräch. Diesmal mit: Manfred Maurenbrecher

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Das Konzept hat er sich ein wenig bei unserem schweizerischen Kollegen Markus Heiniger abgeschaut: in unregelmäßigem Abstand verabredet sich Schriftsteller & EAL-Redakteur David Wonschewski mit Liedermachern zum verbalen Ping-Pong. Das Konzept ist denkbar einfach und in Zeiten virtueller Betriebsamkeit fast schon „lebendig“ zu nennen: Man mailt sich hin und her. Der eine reagiert auf die Äußerungen des anderen, Missverständnisse und aneinander Vorbeireden inklusive. Keine vorgestanzten Fragebögen, keine dringend abzuhandelnden Kernpunkte – einfach laufen lassen. Schauen wohin es führt.

Ob es überhaupt irgendwohin führt.

Diesmal als Gesprächsgast am Start: Manfred Maurenbrecher. Der Bewunderer der Werke von Leonard Cohen und Bob Dylan ist längst selbst zum Liedermacher-Urgestein geworden und hat Ende 2017 sein nunmehr 24. Album „flüchtig“ herausgebracht. Ein Werk, das wie so viele seiner Werke zuvor nominiert ist für den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

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David Wonschewski (DW) : Hallo Manfred, schön, dass wir uns mal wieder sprechen können! Wir haben bei unserem letzten Treffen, im Jahr 2013, ja einen Podcast zusammen gemacht (HIER in den Podcast hören). Anlass war damals die Veröffentlichung deines Albums „No go“. Nun sprechen wir über „flüchtig“, dein aktuelles Album. Finde ich irgendwie bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass es die sogenannte „Flüchtlingskrise“ 2013 noch gar nicht gab, ist „No go“ ja irgendwie ein fast schon prophetischer Albumtitel gewesen…

Manfred Maurenbrecher (MM): Ich empfinde die drei CDs „No Go“, „Rotes Tuch“ und „flüchtig“ als eine Art Trilogie. Das war so gar nicht geplant, aber alle drei ‚Platten‘ (so sagt man ja immer noch, bis es die CD als Kunstform mal nicht mehr geben wird) sind in gleicher Weise entstanden – aus sehr rudimentären Demos wurden im Studio innerhalb von kurzer Zeit fertige Aufnahmen. Für flüchtig haben wir nur noch drei Tage gebraucht. Beteiligt waren als Stamm jedesmal die gleichen Musiker: Andreas Albrecht, Marco Ponce Kärgel und Tobias Fleischer. Wir können uns gut aufeinander verlassen – wir diskutieren nicht lange, sondern finden schnell heraus, was für das jeweilige Lied nötig ist, wie es am besten ‚passt‘: So kommt der kompakte Klang zustande.

DW: Und inhaltlich?

MM: Inhaltlich deutet sich tatsächlich auf „No Go“ das Hauptthema von „flüchtig“ schon an: In ‚Paradies Rüdi‘ schlägt der gutsituierte ghanaische Ingenieur in West-Berlin einen Wachschutz für den gemütlichen Bürgerpark vor, analog zur Bewachung der Grenzen Europas. Und in ‚Die Welt ist am Durchdrehen‘ sind schon Menschen bei uns angelandet, die das Meer durchschwommen haben. Ich kann mich erinnern, dass anfangs einige Leute zu diesem Lied, wenn ich es live und ziemlich wütend gespielt habe, sagten: Na, übertreib mal nicht … Mittlerweile sagt so ziemlich jede(r): Die Welt dreht durch. Und ich bekam das Gefühl, dass die Wirklichkeit allmählich dieses Lied überholt. Ich spiele es jetzt deshalb viel stiller am Anfang, und die Schlussstrophen dann fast triumphierend: Dass „die Welt“ am Ende alle mitnehmen wird auf eine neue Fahrt, nur die nicht, die keine Veränderung zulassen mögen und alles so behalten wollen, wie es ist (also ‚uns‘). Ich hatte anfangs selber gar nicht bemerkt, wie optimistisch dieser Schluss eigentlich ist. Das hast Du bestimmt auch schon erlebt – ist etwas sehr Schönes an unserem Beruf: Manchmal ist das Zeugs, das wir uns ausdenken, klüger als wir selbst …

maurflüchtig

DW: In der Tat kenne ich das auch. Im Grunde passiert es immer dann, wenn ich als Autor einen Text vorlese und in einer Diskussion danach bemerke, dass sich die Diskussion komplett löst von dem persönlichen, de facto recht schmalen Rahmen, den ich im Sinn hatte…auf dich, oder alle Liedermacher übertragen lässt sich daraus aber eine interessante Frage stricken, über die ich recht oft mit Musikern und Schriftstellern spreche: „die Guten“, so sagt man, sind ihrer Zeit immer knapp voraus. So gesehen ist Manfred Maurenbrecher entweder permanent visionär – oder aber er wird permanent falsch interpretiert. Michael Stipe von REM sprach mal über dieses Phänomen: Er kann schreiben wie er will, es läuft immer darauf hinaus, dass er als visionär empfunden wird. Er könnte, sinngemäß, übers Kacken schreiben und weiß, die Leute werden es schon in einen visionären Rahmen pressen. Guter Punkt – was musst du eigentlich für einen Mistsong schreiben, um mal nicht die Nummer 1 der Liederbestenliste zu werden? Hat sich da nicht längst was abgekoppelt?

MM: Ich fange mal mit Deiner letzten Frage an. Zunächst mal: Ich glaube nicht an ‚Mistsongs‘ – Voraussetzung, dass ich die- oder denjenigen insgesamt gut finde, um der- oder dessen Lieder es geht. Als Bob-Dylan-Verehrer halte ich zwar viele seiner gut 700 Stücke für schräg, grell, auch misslungen – aber sie passen alle in die große Werkschau. Er hat den Nobelpreis (den er gar nicht gebraucht hätte, wenn es nach mir ginge) nicht nur für Mr.Tambourine Man oder Things Have Changed bekommen, sondern auch für Wiggle Wiggle und Wigwam. Und – wie jetzt, 30 Jahre nachher, eine erstaunte Öffentlichkeit gerade mitkriegt – seine evangelisch-erweckten religiösen Lieder um 1980 sind auch voller Zauber, Wut und rock’n roll-Kraft: Weil da jemand das, was er macht, liebt und kann. Unabhängig von der ‚Phase‘, in der er gerade steckt. Und das – bescheiden, wie ich bin – trifft auch auf mich zu. Und da die Jury der Liederbestenliste nun einmal (aus nachvollziehbaren Gründen) Lieder mit politischer Aussage oder besser: Beobachtungsgabe besonders fördern will und ich ein politisch beobachtender Zeitgenosse bin, findet sie einen Teil meiner Stücke prämierungswürdig. Ich freu mich natürlich sehr darüber. Bei anderer Juryzusammensetzung wäre es vielleicht anders, aber „abgekoppelt“ hat sich nichts, das ist alles ganz nachvollziehbar…

DW: Das ist natürlich was dran. Und ich will gerne zugeben, dass auch Ein Achtel Lorbeerblatt davon keineswegs frei ist. Wenn man, so wie ich, in einer Tour mit ehemaligen Christof Stählin-Schülern oder auch Leuten aus dem AHUGA!-Universum von Fabia Widmann abhängt, darf man sich nicht darüber wundern, dass dementsprechende Inhalte auch leichter und dadurch öfter den Weg ins Lorbeerblatt finden. Der Mensch schaut halt doch merklich wenig über den sprichwörtlichen Tellerrand als er sich selbst so gerne einbildet.

MM: Da habe ich eine Seitenbemerkung: Ich finde allerdings auch, dass ein Lied wie dieses mit der Zaunzerschneidung für die Ostdeutschen 89 in Ungarn von ‚Kettcar‘ durchaus auch auf die LBL gehörte. Es ist toll erzählt und provokant. Aber vielleicht beschickt Kettcar die Liste gar nicht, so einfach …

DW: Ich mochte Kettcar nie und höre in ihre Songs daher schon lange nicht mehr rein. Quod erat demonstrandum! Aber bleiben wir bei dir – wie sieht es mit dem „Visionären“ aus? Kann ja kaum Zufall sein, dass du seit Jahrzehnten bei der politisch interessierten Klientel so angesagt bist.

MM: Mit dem Visionären habe ich meine Schwierigkeiten. War Schubert visionär? Ich würde das Wort lieber durch intensiv ersetzen. Ich denke zwar manchmal, dass das Reimen die geistige Vorform des Beamens ist, aber ‚wir Dichter‘ sind doch nur zu einem ganz kleinen Teil science-fiction – Autoren. Kafka z.B. ist für mich jemand, der fast unendlich viel erspüren (und das dann präzise aufblätternd ausdrücken) konnte. Aber ‚Visionen‘ hatte er nicht, eher Albträume schon angesichts der kleinsten Alltagsvorgänge.

„Die Guten“ sind, glaube ich, verankert in ihren Körpern und ihrer Zeit – auch als deren Gegner. Nicht ‚ihr voraus’. Darf ich Dich auch was fragen? Fühlst Du Dich, wenn Du schreibst, als jemand, der `“von etwas überzeugen“ möchte, das außer Deinem Schreiben liegt?

DW: Hm, gute Frage. Die ich nach einigem Nachdenken mit einem klaren Nein beantworten möchte. Ich taste mich beim Schreiben, egal ob in meinen Romanen oder Kurzgeschichten eher Schritt für Schritt vor. Wie einer der buchstäblich im Dunkeln steht. Einen großen Plan habe ich vorm Schreiben selten, ich stolpere einfach los und schaue auf was ich so stoße. Ich möchte etwas finden, von dem ich selbst gar nicht so exakt weiß, wie es aussieht, wie es beschaffen ist. Ich möchte ergo nicht potentielle Leser, sondern zuvorderst mich selbst überzeugen.

MM: Ja, bei den Liedern, die ich selbst am liebsten habe, geht es mir auch so. „Ich möchte mich selbst überraschen“ hab ich mir 1979 auf Kreta als Motto über den Arbeitstisch gehängt, als ich da neue Lieder angefangen habe zu texten. Auf der aktuellen CD sind es z.B. ‚Das war sein Glück‘ und ‚Zu früh‘, zwei sehr unterschiedliche Sachen, wo ich bei beiden am Anfang gar nicht wusste, worauf sie rauslaufen werden. Bei dem ‚Glück‘ kam noch dazu, dass die Musik vorher da war. Und dann müssen die Worte sich der Melodie unterordnen und zur Not eben mal nicht der Logik. Aber dadurch kommt dann das Rätselhafte.

DW: In der Tat zwei sehr unterschiedliche Titel, die du da benennst. Während „Zu früh“ für mich eine sehr klare Aussage hat und keinerlei Fragen offenlässt, kann ich das wesentlich kürzere „Das war sein Glück“ fünfzehnmal hören – und bekomme jedesmal ein anderes Hörerlebnis, Hörergebnis. Wie „Schräge Straße“ handelt es sich hier oberflächlich betrachtet um einen Anhalter-Song für Rucksacktouristen, auch sind beide Stücke von ihrer Tonart her irgendwo angesiedelt zwischen fast schon kindlicher Schwelgerei und staubiger Gossenromantik – und doch entfaltet „Das war sein Glück“ für mich eine immer wieder unheimliche, fast schon horrorhafte Note, da nie ganz klar wird, wie sich die Szenerie nun entwickelt zwischen der Anhalterin und dem Jaguar-Fahrer, der „aus Hunger, Müdigkeit und Hass“ vom Gas geht…das Lied bezieht seinen großen Reiz aus dem Umstand, das fast alle Schlagworte, die du dort nutzt, sich in dem von dir geschaffenen Kontext doppeldeutig hören lassen, bis hin zum Wort Glück, das bekanntlich, sobald es den einen umfängt, nicht selten Hand in Hand geht mit dem Leid, dass es für einen anderen automatisch bedeutet. Wie kommen derlei ambivalente Stücke bei deinem Publikum eigentlich an?

MM: Bei ‚Das war sein Glück‘ habe ich tatsächlich mehr darum gekämpft, so viel wie möglich in der Schwebe zu lassen und das, was da zwischen Tramperin und Jaguarfahrer passiert, so offen wie möglich zu halten. Ich kenne Leute, die eine Vergewaltigung vermuten, genauso wie welche, die eine große Verwandlung vor sich sehen. In gewisser Weise lädt dieses Lied zum umgekehrten Verfahren wie ‚me too‘ ein: Anstatt ohne Scham etwas, das passiert ist und verschwiegen wurde, nüchtern zu erzählen, lässt man hier der eigenen Phantasie und ihren verschlungenen Verbotsübertretungen freie Bahn. Wer das nicht kann oder will, der wird dieses Lied blöd oder anmaßend finden. Ich glaube, im mediterranen und französischen Sprach – und Musikraum ist solche Freizügigkeit viel eher üblich als in unserem oder dem angloamerikanischen. Vielleicht hat das sogar mit dem Gegensatz von katholisch zu protestantisch zu tun. Ich finde es jedenfalls ziemlich klar, dass so ein Lied live nicht auf Jubel trifft, sondern auf verhaltene Reaktionen. Ich hatte sogar jahrelang Hemmungen, es zu spielen (Protestant eben selbst auch). Eigentlich, weil Marco und Andreas es so gern bei unseren Releasekonzerten dabei haben wollten, habe ich diese Angst überwunden – und die Zuhörer haben sehr freundlich reagiert.

DW: Und wie baust du es in Konzerten ein?

Wenn es um Konzerte geht, ist in der Dramaturgie das Gegensätzliche wichtig, finde ich: Nach ‚Das war sein Glück‘ muss etwas kommen wie der ’Staubsauger’ oder ‚Die Kuh macht Muh‘ – übrigens das älteste Lied von mir, das ich überhaupt veröffentlicht habe, von 1970, und damals auf dem Land in Oberbayern geschrieben, um meine Vorurteile gegenüber den Einheimischen dort loszuwerden und mich ein bisschen in ihre  Gemeinschaft einzubringen. Also auch nicht gar so platt, wie es vielleicht beim Einmalhören klingt. Nach Stücken wie dem Glück oder ‚Wie weit kann man gehen‘ dringend notwendig, solche Luftholer – mal schnell das Fenster weit aufreißen.

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Manfred Maurenbrecher und David Wonschewski

DW: Da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Wir beide trafen uns, wenn du dich entsinnst, vor wenigen Jahren einmal bei einem Workshop, den du am Rande der „Hoyschrecke“ in Hoyerswerda gabst. Das Thema war seinerzeit „Authentizität“ und ich erinnere mich, dass einer der teilnehmenden Musiker ein wenig vielschichtiges, dafür umso wuchtigeres, fast schon gassenhauerhaftes Stück über bzw. gegen TTIP vortrug – und von den anderen Musikern dafür ziemlich niedergemacht wurde. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm geraten habe dieses Stück unbedingt im Programm zu behalten, da anderthalb Stunden reflektiert-vielschichtige Liedermacherkunst auch verdammt an den Nerven zehren können. Eine schwierige Frage, aber wie sieht es eigentlich mit deiner eigenen Authentizität aus? Würdest du sagen, dass alle Lieder auf „flüchtig“ persönliche Gedanken widerspiegeln? Oder gibt es auch Momente, wo du dich bewusst von dir selbst zu entfernen versuchst?

MM: Authentizität, das ist eine seltsame Kategorie. Alte Bluessänger gelten oft als authentisch – oder Tom Waits. Auf der Bühne spielt er den betrunkenen Seemann und Heimatlosen, im Alltagsleben trinkt er nur Tee und raucht schon lange nicht mehr. Mich hat das jahrelang genervt (zumal ich mal bei einem Konzert von ihm in Berlin neben Senatsmitgliedern saß, die „dieses Unikum“ ganz bezaubernd fanden, während sie solche Typen im echten Leben eher verhaften als bewundern). Aber jeder Schauspieler tut genau dasselbe: Spielt seine Rolle so authentisch wie möglich. Mittlerweile glaube ich, es gibt Menschen, die können einfach nur ehrlich sein – und die fühlen sich dann bestimmt oft ‚unauthentisch‘, weil nicht mit sich selbst stimmig – aber alle anderen empfinden sofort mit, wie die oder der gerade drauf ist. Andere haben große Mühe, zu zeigen, was sie empfinden – deren Authentizität ist dann eben das Fremdeln mit sich selbst.

Mir merkt man (wenn man mich ein bisschen kennt) schnell an, was mit mir gerade los ist – und das hätte ich gern manchmal weg oder überspielt. Das ist dann also meine Art, authentisch zu sein. Bei den Liedern auf ‚flüchtig‘ sind ja einige sehr alte dabei, die ich jahrzehntelang nicht gesungen habe, und da wurde es spannend, denn denen gegenüber hatte ich naturgemäß eine Art Fremdheitsgefühl, manchmal auch ein Fremdschämgefühl – die Person, die sich das ausgedacht hat, gibt es ja eigentlich schon nicht mehr. Ich habe mir beim Machen der Platte gesagt: Wenn nur einer der Musiker bei einem der Uraltstücke sagt: Das ist komisch, das passt eigentlich nicht zu dir – dann lässt du das Stück verschwinden. Aber niemand hat sowas geäußert. Wenn ich die alten Stücke jetzt im Konzert singe, sind sie ein (neuer) Teil von mir geworden, verjüngt. Seltsame Sache mit der Authentizität. Ist Herr Trump authentisch? Ich fürchte, ja.

DW: Ich denke ein Wort, das authentisch ganz gut umschreibt, ist „ungefiltert“. Und Trump, ja, der hat den Filter offenbar recht selten „drauf“, wenn er ausspricht, was ihm gerade auf die Zunge fällt. Auch erinnere ich mich noch an eine weit zurückliegende Zeit, in der es eine wahre Freude war Profi-Fußballern nach den Spielen bei Interviews zuzuhören. Kann man sich mittlerweile ja komplett klemmen. Wir reden und singen ja so oft davon, dass wir die Welt noch einmal sehen wollen wie als Kind, sehnen uns die Naivität früher Lebensjahre herbei. So betrachtet ist Authentizität im Kunstsinne auch gar nicht der Ausgangspunkt, noch nicht einmal der Weg  – sondern das Ziel. Wie ein Buddhist sich Stufe für Stufe gen Erleuchtung vortastet, befindet sich der Künstler auf einer holperigen Reise, einer Reise zurück zu sich selbst. Du selbst scheinst auf dieser Reise schon recht weit gekommen zu sein, denn während wir dieses Gespräch führen sickert die Info durch, dass „flüchtig“ für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert worden ist. Diese gut beleumundete Nominierung erhalten, soweit ich weiß, höchst selten Platten die als aufgesetzt und unauthentisch empfunden werden. Ich hasse mich selbst für diese Frage, dennoch möchte ich gerade damit unser feines Gespräch abschließen: Was bedeutet dir eine solche Nominierung?

MM: Ich freue mich, weil geehrt und bestätigt. Auch stellvertetend natürlich, denn ‚flüchtig‘ ist  eine Arbeit von Mehreren. Ohne das Zusammenspiel zwischen uns Musikern im Studio, ohne die musikalischen Zutaten anschließend und vor allem ohne den klugen und trotzdem intuitiven Aufbau des Ganzen durch Andreas Albrecht (das, was man Produktion nennt), wäre etwas ziemlich Anderes und weniger Überzeugendes entstanden. Hier kamen alle Sinne zusammen. Mehr noch als über Preise und Rangordnungen freue ich mich aber darüber, schon so lange und ohne allzu viel Mühsal das machen zu dürfen, was ich tue: Meine manchmal langen, manchmal schrägen und abgefahrenen musikalischen Geschichten und Gesichter veröffentlichen und fast jeden dritten Abend erzählen und singen zu können. Vor Menschen, die meistens was damit anfangen können. Sogar drüber lachen und weinen! Ohne dafür verhaftet zu werden oder finanziell durch die Mangel gedreht. Nein, sogar ganz gut leben kann ich damit. Was gibts Besseres? Aber am Ziel? Lange nicht.

 

 

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Januar 2018 von in Maurenbrecher, Manfred, Uncategorized und getaggt mit , , .
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